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In Murrhardt flattert der Große Fuchs

Unter der Regie der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg läuft dieses Jahr auch in der Walterichstadt eine Kartierung von Insekten. Neben dem Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling wurde eine weitere bedrohte Schmetterlingsart vor Ort ausgemacht.

Die Kartierung ist aufwendig, die Experten schreiten das ausgewählte Gebiet in Linien ab. Hier ist Diplom-Biologe Andreas Nunner vom Büro Bioplan in Tübingen bei der Arbeit zu sehen. Foto: privat

Die Kartierung ist aufwendig, die Experten schreiten das ausgewählte Gebiet in Linien ab. Hier ist Diplom-Biologe Andreas Nunner vom Büro Bioplan in Tübingen bei der Arbeit zu sehen. Foto: privat

Von Christine Schick

MURRHARDT. Die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) hatte im Frühjahr angekündigt, dass Kartierungen von Insekten, Vögeln und Fledermäusen in der Zeit zwischen April und November in Murrhardt stattfinden. Florian Theves von der LUBW erläutert, dass es im Land verschiedenste Kartierungen gibt. Im aktuellen Fall geht es um das Sonderprogramm des Landes zur Stärkung der biologischen Vielfalt (weitere Erfassungen beinhalten noch andere Programme und Zielgruppen wie Fledermäuse oder Vögel). Die Monitoringmaßnahmen, die zu diesem Programm gehören, umfassen eine Reihe von Bausteinen. Einer dieser Bausteine ist ein landesweites Insektenmonitoring, das auf 191 Stichprobenflächen in Baden-Württemberg erfolgt – und eine von diesen liegt in der Walterichstadt. Dass Murrhardt bei den Untersuchungen mit aufgenommen wurde, ist schlichtweg Zufall. Um ein repräsentatives Bild des Insektenbestandes in den normal genutzten, ganz verschiedenen Landschaften zu erhalten, werden Zufallsstichproben ausgewählt. So kam die Walterichstadt mit ins Setting.

Die Experten schauen sich jeweils ein Gebiet an, das einen Quadratkilometer groß ist. Unter die Lupe nehmen sie als besonders aussagekräftige Indikatoren Tagfalter und Widderchen, Nachtfalter, Heuschrecken, Laufkäfer sowie die Biomasse von flugaktiven Insekten und von Insekten der Bodenoberfläche. „Da die Erfassungsarbeiten sehr aufwendig sind, werden nicht alle Indikatoren im selben Jahr bearbeitet. Dieses Jahr wurden in Murrhardt Tagfalter und Widderchen sowie Heuschrecken kartiert“, erklärt Florian Theves. Dies erfolgte auf einer Stichprobenfläche nördlich von Murrhardt. Dort wurden sogenannte Transekte (Satz von Mess- beziehungsweise Beobachtungspunkten entlang einer geraden Linie) nach bestimmten Kriterien festgelegt. Sie werden abgeschritten und dabei werden die Insekten gezählt. Um eine Beeinflussung zu vermeiden, wird die genaue Lage dieser Linien nicht bekannt gegeben.

Es wurden Tagfalter, Widderchen und Heuschrecken kartiert.

Dieses Jahr machten sich die Experten das erste Mal an die Kartierung von Tagfaltern und Widderchen, schon 2019 haben sie Heuschrecken in den Blick genommen, die auch 2020 noch im Portfolio sind. Mittlerweile sind die Erfassungen abgeschlossen, sie dauerten bis Ende August. Zum Hintergrund und den Zielen dieser aufwendigen Arbeit erläutert die LUBW: „,Früher gab es mehr Schmetterlinge!‘ – dieser Aussage würden viele Menschen zustimmen. Datenreihen, die diese Vermutung für ein größeres Gebiet oder gar ein Bundesland systematisch untermauern, gibt es jedoch kaum. Das Insektenmonitoring soll deshalb erstmals statistisch belastbare und repräsentative Daten zu den in Baden-Württemberg lebenden Insekten liefern.“ Florian Theves ergänzt, dass es neben den Grundlagendaten auch um die künftige Einschätzung von Bestandsveränderungen geht – sprich Entwicklungstrends. Mit erneuten Erhebungen soll es möglich werden, zu beurteilen, wie es um die Insekten im Land bestellt ist und ob Schutzmaßnahmen erfolgreich sind – beispielsweise die im Gesetz zum Volksbegehren „Rettet die Bienen“ verankerten.

Mit Blick auf die Untersuchungen berichtet Theves von drei Besonderheiten, die in Murrhardt zu verzeichnen sind. Auf der Gemarkung wurde der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling gefunden, der bereits im Zusammenhang mit den Untersuchungen zum Bau des Hochwasserrückhaltebeckens Gaab aufgetaucht ist (wir berichteten). Es handelt sich um eine besondere, bedrohte Art. Die Raupen leben anfangs versteckt in den Blütenköpfen des Großen Wiesenknopfs, später in Nestern der Wirtsameisen, auf die sie spezialisiert sind. Außerdem haben die Kartierer den Großen Fuchs ausgemacht, der auf der Roten Liste der Schmetterlinge in Baden-Württemberg zu finden ist, so Theves. Dort wird er mittlerweile als stark gefährdete Art eingestuft. Sein Vorkommen ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Den Kurzschwänzigen Bläuling haben die Experten ebenfalls gefunden. Bei ihm ist die Lage sozusagen umgekehrt: Er war einst selten, breitet sich nun aber als wärmeliebende Art im Zuge des Klimawandels aus.

Darüber hinaus umfasst die Liste zahlreiche vergleichsweise anspruchslose Arten, die als typisch gelten, wie das Große Ochsenauge, das Schachbrett, der Schornsteinfeger und der Kleine Heufalter. Ähnlich sieht es bei den Heuschrecken aus, bei denen beispielsweise der Gemeine Grashüpfer als klassischer Vertreter registriert wurde. Die Daten dieses Jahres müssen allerdings noch ausgewertet werden.

Beim Monitoring in Murrhardt wurde der Große Fuchs gefunden. Foto: Adobe Stock/Tim’s insects

© Tim's insects - stock.adobe.com

Beim Monitoring in Murrhardt wurde der Große Fuchs gefunden. Foto: Adobe Stock/Tim’s insects

In Baden-Württemberg wird seit 2018 an einem landesweiten Insektenmonitoring gearbeitet

Zum Insektenmonitoring erläutert die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg auf ihrer Homepage: Insekten werden, wenn überhaupt, von uns Menschen meist emotional entweder negativ als lästig und schädlich oder positiv als ästhetisch reizvoll und fleißig wahrgenommen, je nachdem, ob es sich nun um Mücken und Blattläuse oder Schmetterlinge und Bienen handelt. Tatsächlich übernehmen Insekten jedoch aufgrund ihrer enormen Vielfalt und Masse essenzielle Schlüsselfunktionen in Ökosystemen. Sie sind unverzichtbar für das menschliche Leben, indem sie zum Beispiel den Großteil unserer Nutzpflanzen bestäuben und wesentlich zur Fruchtbarkeit der Böden beitragen. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass der starke Rückgang der Insektenbestände Anlass zur Besorgnis gibt.

In Reaktion auf diese Entwicklung und die insgesamt zunehmende Bedrohung der Biodiversität beschloss die Landesregierung von Baden-Württemberg das Sonderprogramm zur Stärkung der biologischen Vielfalt. In dessen Rahmen werden seit 2018 auch Grundlagendaten zu den Insektenbeständen im Land erhoben. Die Landesanstalt für Umwelt baut seit 2018 ein landesweites Insektenmonitoring auf. Ausgewählte Insektengruppen werden mit standardisierten Methoden in regelmäßigen Zeitabständen erfasst.

Die große Mehrheit der zirka 30000 für Deutschland nachgewiesenen Insektenarten ist pauschal betrachtet schwarz, winzig klein und nur kurze Zeit im Jahr nachweisbar. Deshalb ist es notwendig, das Insektenmonitoring auf wenige Gruppen zu beschränken. Deren Untersuchung soll jedoch möglichst auf die Gesamtheit der Insektenarten übertragbare Aussagen liefern – sogenannte Indikatorgruppen. Indikatoren zeichnen sich durch bestimmte Eigenschaften aus, zu denen ein guter Kenntnisstand der Ökologie, eine einfache Erfassbarkeit und eine sensible Reaktion auf Umweltveränderungen gehören. Zusätzlich ist auch zu berücksichtigen, dass genügend Experten verfügbar sind, die die Erfassungen durchführen können.

Je Jahr und Indikator können im Rahmen des Insektenmonitorings maximal 50 Stichprobenflächen bearbeitet werden. Daraus resultiert für die Indikatoren auf Landschaftsebene ein vierjähriger und für die Indikatoren auf Biotopebene ein dreijähriger Turnus.

Weitere Infos finden sich auf www.lubw.baden-wuerttemberg.de, Stichwort Insektenmonitoring.

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Erstellt:
15. September 2020, 06:00 Uhr

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