Zum 100. Geburtstag
Ingeborg Bachmann im Kino und im TV
Zwei Dokumentarfilme würdigen Leben und Werk der bedeutendsten deutschsprachigen Nachkriegsschriftstellerin auf gänzlich unterschiedliche Weise.
© Elliott Kreyenberg/Weltkino
Sandra Hüller in „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“
Von Tilmann P. Gangloff
Der einfachste Weg, filmisch vom Leben einer Schriftstellerin zu erzählen, ist der Spielfilm. Margarethe von Trotta hat diese Option für ihr Drama „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ (2023) gewählt. Ihre Verbeugung vor der 1973 verstorbenen Österreicherin konzentriert sich auf die zehn Jahre zuvor geendete Beziehung zu Max Frisch. Am Donnerstag (25. Juni) wäre die bedeutendste deutschsprachige Nachkriegsschriftstellerin hundert Jahre alt geworden. Zwei neue Dokumentarfilme würdigen ihr Leben und vor allem ihr Werk ganz anders.
Hüller trägt Bachmann-Texte mit großer Intensität vor
Die Grimme-Preisträgerin Regina Schilling („Kulenkampffs Schuhe“, 2018) ist nach eigenem Bekunden mit den Romanen männlicher Literaten aufgewachsen, bis sie dank „Malina“ (1971) eine Art Erweckungserlebnis hatte. Aus Bachmanns letztem Roman stammt auch der Titelzusatz ihres Kinofilms: „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ ist eine dokumentarische Collage mit einem großen szenischen Anteil. Diese improvisierte Ebene mit Sandra Hüller soll einen weiteren Zugang zu Bachmann ermöglichen, gibt aber auch Rätsel auf, denn ein Bezug zu den aus dem Off erklingenden Texten ist meist nicht ersichtlich. Trotzdem profitiert der Film ganz enorm von Hüllers Mitwirkung, zumal sie eine exzellente Vorleserin ist und die Gedichte, Tagebucheinträge sowie die Passagen aus den Romanen und Erzählungen mit großer Intensität vorträgt.
Enorme schöpferische Kraft
Schilling hat darauf verzichtet, biografische Konnotationen zwischen Werdegang und Werk zu konstruieren. Stattdessen lässt sie mit Hilfe von Zitaten das Bild einer komplexen Persönlichkeit entstehen. Ein Freund Bachmanns schreibt, sie könne nur „nach ihrer eigenen Wirrnis leben“. Auf diese Weise entsteht der Eindruck einer zutiefst verunsicherten, gerade daraus jedoch enorme schöpferische Kraft gewinnenden Frau. Diese Form der Analyse erweist sich als ungemein wirkungsvoll, weil das Publikum seine eigenen Schlüsse ziehen kann: Ingeborg Bachmann wird zum Star der „Gruppe 47“, der „Spiegel“ widmet ihr 1954 das Titelblatt, sie wird als „neuer Stern am deutschen Poetenhimmel“ gefeiert und erhält viele Preise. Dennoch bleibt das Gefühl, „nichts zu taugen, nichts wert zu sein.“ Dabei verdeutlicht ihre Arbeit, wie weit sie ihrer Zeit gerade in Bezug auf die Rolle der Frau voraus war, was die damals ausnahmslos männlichen Literaturkritiker, für die sie eine „gefallene Lyrikerin“ blieb, nie verstanden haben.
Barbara Frank hat sich für ihre Arte-Doku „100 Jahre Ingeborg Bachmann – Dichten für die Wahrheit“ zum Teil des gleichen Archivmaterials bedient. Trotzdem ist ihr Porträt eine gelungene Ergänzung. Die österreichische Dokumentarfilmerin hat sich vor drei Jahren schon einmal mit ihrer Landsmännin befasst. „Vom Unerhörten im Alltäglichen“ (3 Sat) ging unter anderem der Frage nach, ob sich die Situation für Frauen im Literaturbetrieb verändert hat. Der neue Film lebt vor allem von den sehr persönlichen Gesprächen mit Bachmanns Bruder Heinz und Peter Handke. In den nicht restlos geklärten Umständen ihres Todes – offenbar ist sie mit einer brennenden Zigarette in der Hand eingeschlafen – sieht Frank den Schlüssel zu ihrer Biografie: weil sich ihr Leben „erst durch ihren Tod in ein Schicksal verwandelt hat“. Retrospektiv offenbare sich Bachmanns Werdegang als „die Geschichte des Scheiterns einer Frau“. Dann fügt sie hinzu: „aller Frauen“. Bachmann hätte sich nicht als Feministin bezeichnet, hat den Feminismus aber erheblich beeinflusst.
Ein weiteres wichtiges Thema des Porträts ist der Krieg. Was von außen betrachtet scheinbar nicht zusammengehört, entpuppt sich im Werk Bachmanns wie auch in Franks Film als zweite Seite derselben Medaille: Ganz im Sinn der 68er-Maxime, dass das Private politisch sei, betrachtete die Schriftstellerin Gewalt innerhalb einer Beziehung, plakativ formuliert, als Keimzelle des Faschismus. Sie verrät uns daher, resümiert Frank, „mehr über uns, als uns lieb sein kann: dass der Krieg niemals zu Ende ist“. Damit ist womöglich auch der Krieg zwischen den Geschlechtern gemeint, zumindest erwähnt Frank die Namen Epstein und Pelicot und verweist auf die Situation der Frauen in Iran und Afghanistan.
Entdeckung eines Drehbuchs
Dennoch gelingt ihr ein positiver Schluss: Bachmann zeige auch, „dass unsere Kraft weiter reicht als unser Unglück“. Viel zu kurz kommt dagegen eine aufregende Entdeckung: Bachmann selbst hat ihr 1957 entstandenes Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“ einst als Drehbuch adaptiert, Egon Monk sollte es inszenieren. Das Projekt wurde nie realisiert, das Manuskript galt als verschollen, Frank hat es gefunden. Seltsamerweise geht sie gar nicht näher darauf ein, aber vielleicht wird es ja der Ausgangspunkt eines weiteren Bachmann-Films.
Ingeborg Bachmann im Kino und im TV
Kinofilm Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war. Deutschland 2026. Buch und Regie: Regina Schilling. Mit Sandra Hüller. 98 Minuten. Ab 25. Juni im Kino.
TV-Doku 100 Jahre Ingeborg Bachmann – Dichten für die Wahrheit. Arte, 24. Juni, 23 Uhr. In der Arte-Mediathek abrufbar.
