Prozess in der Türkei
Istanbuler Hotel wird zur Todesfalle
Eine Hamburger Familie stirbt im Türkei-Urlaub nach dem Einsatz eines Pestizids gegen Bettwanzen. Im Prozess in Istanbul fordern Angehörige nun Gerechtigkeit.
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Trauernde Angehörige vor dem Prozess in Istanbul: die Eltern und der Bruder des toten Familienvaters mit ihrem Anwalt (2.v.l.)
Von Susanne Güsten
Als Yilmaz Böcek vor dem Justizpalast im Istanbuler Stadtteil Caglayan mit türkischen Reportern spricht, durchlebt er den Schmerz vom vorigen November noch einmal. „Mein Sohn hat bis zur letzten Minute um sein Leben und das seiner Familie gekämpft“, sagt Böcek. Die Aufnahmen von Überwachungskameras in Krankenhäusern und Taxis gingen um die Welt: eine vierköpfige Familie, die in ihrem Hotel mit Schädlingsbekämpfungsmitteln vergiftet wurde und vergeblich in Kliniken die Rettung suchte. „Sie sind vor unseren Augen in den Tod gegangen“, sagt Böcek.
Dass der Tod der Böceks in der Türkei kein Einzelfall war, zeigt sich am selben Tag, an dem Yilmaz Böcek und seine Frau Cemile die Bestrafung der Verantwortlichen verlangen. Ein Richter an einem anderen Istanbuler Gericht erlässt Haftbefehle gegen fünf Verdächtige, die für den Tod von zwei niederländischen Teenagern in einem Istanbuler Hotel im vorigen August verantwortlich sein sollen. Die beiden Brüder starben nach der Schädlingsbekämpfung in ihrem Hotel. Ein Jahr zuvor war eine junge Deutsche in Istanbul vermutlich ebenfalls durch eine solche Vergiftung mit gestorben.
Giftiges Gas dringt durch die Zimmerdecke
Yilmaz Böceks Sohn, der türkischstämmige Hamburger Servet Böcek, wollte mit seiner Frau Cigdem und den drei und sechs Jahre alten Kindern Masal und Kadir Mohammet in Istanbul einen Familienurlaub machen. Doch eine Verkettung von Fahrlässigkeit, Schlamperei und fehlendem medizinischen Sachverstand kostete sie das Leben. Ein giftiges Gas, das sich bei der unsachgemäßen Bekämpfung von Bettwanzen in dem Hotel gebildet hatte, tötete zuerst die Kinder und ihre Mutter und dann auch Servet.
Seit Dienstag stehen sechs Angeklagte wegen des Todes der Familie im Justizpalast von Caglayan vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft fordert für die Beschuldigten, darunter Hotelbesitzer Hakan O., bis zu 22 Jahre Haft. Die Anklage argumentiert vor der 30. Istanbuler Schwurgerichtskammer, die von ihm zur Schädlingsbekämpfung engagierte Firma DSS habe keine Befugnis für die gefährliche Arbeit gehabt und in dem Hotel einen Mitarbeiter eingesetzt, der im Umgang mit den Giftstoffen weder geschult gewesen sei noch Erfahrung hatte.
Klinik schickt vergiftete Familie wieder weg
Der DSS-Mitarbeiter versprühte in einem Hotelzimmer den Stoff Aluminiumphosphid, um Bettwanzen zu bekämpfen. Die Böceks wohnten im Stockwerk über dem Zimmer und wurden vergiftet, weil sich Phosphid-Gas bildete und nach oben zog. Die Familie suchte in einem Krankenhaus Hilfe, wurde aber ins Hotel zurückgeschickt, weil die Ärzte eine harmlose Darmgrippe vermuteten. Kinder und Eltern starben innerhalb weniger Tage.
Vor dem Richter wiesen die Angeklagten jede Schuld von sich. Ein Hotelmitarbeiter, der nachts das Hotel abschloss, um zum Essen zu gehen, und so die Böceks einsperrte und ihre Fahrt ins Krankenhaus verzögerte, sagte aus, ein Zettel mit seiner Handynummer sei doch an einer Fensterscheibe in der Lobby gehängt. In Caglayan fordert Yasar Balci, der Anwalt der Familie Böcek, härtere Strafen für die Angeklagten. Balci war seit Kindertagen ein Freund des getöteten Familienvaters Servet Böcek und ist deshalb auch persönlich betroffen.
