Mission Kleintierzucht

Der Geflügel- und Kaninchenzuchtverein Murrhardt feiert sein 125-jähriges Bestehen. Seit jeher sind artgerechte Haltung und sorgfältige Pflege Ziele und Voraussetzungen für beste Zuchtergebnisse. Das Jubiläum wird am 16. Juni begangen.

Walter Helbig (rechts vorne) war von 1956 an über 30 Jahre Vorsitzender des Geflügelzuchtvereins. In dieser Zeit fand das eine oder andere sogenannte Hahnenwettkrähen der Tiere statt. Die Aufnahme ist bei einer solchen Veranstaltung entstanden. Fotos: Privatsammlung Wolfgang Hess

© Privatsammlung Wolfgang Hess

Walter Helbig (rechts vorne) war von 1956 an über 30 Jahre Vorsitzender des Geflügelzuchtvereins. In dieser Zeit fand das eine oder andere sogenannte Hahnenwettkrähen der Tiere statt. Die Aufnahme ist bei einer solchen Veranstaltung entstanden. Fotos: Privatsammlung Wolfgang Hess

Von Elisabeth Klaper

Murrhardt. Überaus wechselhaft verlief die Geschichte des Geflügel- und Kaninchenzuchtvereins der Walterichstadt, den es erst seit 1986 in der heutigen Form gibt. An Heiligabend 1899 gründeten neun engagierte Tierfreunde den Geflügelzuchtverein: Ihr Ziel war es, die Rassegeflügelzucht zu verbessern und deren Werte für die Bevölkerung nutzbar zu machen. Voraussetzungen waren die sorgfältige Haltung, Pflege und Liebe zu den Tieren als Geschöpfen Gottes, doch auch deren wirtschaftlicher Nutzen durch Eier und Fleisch war wichtig. Die Gründungsversammlung wählte Albert Off zum ersten Vorsitzenden und wohl auch zum Kassier sowie Heinrich Bodmer zum Schriftführer. Das Interesse an der Geflügelzucht war groß, die Mitgliederzahl stieg rasch. Zu den Vereinsaktivitäten gehörten Vorträge über Geflügelhaltung und Auswahl der Rassen; die Züchter stellten ihre Tiere bei Weihnachtsfeiern aus.

Gegen Ende des Ersten Weltkriegs kamen die Kaninchenzüchter hinzu, worauf der Verein sich in Geflügel- und Kaninchenzuchtverein Murrhardt umbenannte. Jeden Monat gab es Vorträge über die Geflügelzucht und bei Ausstellungen erzielten die Züchter sehr gute Ergebnisse. 1923 litt der Verein unter der Hyperinflation, die Stadtverwaltung spendete ihm 2000 Mark „zur Hebung der Gänsezucht“ und genehmigte einen Gänsegarten am oberen Mühlkanal, wo sich heute der Obermühlenweg befindet. 1931 gründete sich ein eigenständiger Kleintierzuchtverein mit dem Schwerpunkt Kaninchenzucht.

Während der nationalsozialistischen Diktatur endete die Eigenständigkeit der Geflügel- und Kaninchenzuchtvereine, sie mussten nun „volkswirtschaftlich wertvolle Arbeit“ leisten. Fachgruppen des Reichs, Landes und Kreises übernahmen die bisherigen Funktionen von Landes- und Kreisverband. Die Vereine mussten eine Fülle von Vorschriften an die Züchter weitergeben, die Bezugsscheine für alles benötigten. Den Kaninchenzüchtern wurden Wirtschaftsrassen vorgegeben, kleinere Rassen wurden verboten.

1934 veranstaltete der Kleintierzuchtverein seine erste Ausstellung, 1935 übernahm der engagierte und geschickt agierende Georg Krissler den Vorsitz des Geflügelzuchtvereins, der sich für neue Rassen einsetzte. 1938 stieg die Mitgliederzahl auf 141, die finanzielle Situation verbesserte sich, es gab Vereinsausflüge mit Besuchen von Geflügelhöfen und Vorträge über Zucht, Haltung und Fütterung. Wegen des Zweiten Weltkriegs waren Ausstellungen ab 1943 nicht mehr möglich, etliche Züchter fielen oder blieben vermisst und die Vereinsaktivitäten ruhten bis 1946.

Am 7. April 1946 fand die erste Nachkriegsversammlung des Geflügelzuchtvereins im Schwanen statt, die Georg Krissler, der damals auch Bürgermeister war, wieder zum Vorsitzenden wählte. 1950 begann der Neuaufbau des Kleintierzuchtvereins mit 14 Mitgliedern unter Regie von Willi Schlauch, der die Vereinsleitung bald an Manfred Zenker abgab. Ab 1954 näherten sich Kleintier- und Geflügelzuchtverein an und organisierten gemeinsame Ausstellungen. 1956 gab der fast 70-jährige Vorsitzende Georg Krissler sein Amt ab. Der Kleintierzuchtverein feierte sein 25-jähriges Bestehen.

Die Mitglieder wählten Walter Helbig zum neuen Vorsitzenden des Geflügelzuchtvereins, der dieses Amt über 30 Jahre innehatte. 1957 organisierte er gemeinsam mit dem Kleintierzuchtvereinsvorsitzenden Manfred Zenker die erste gemeinsame Lokalausstellung. 1958 folgte die erste gemeinsame Jungtierschau. Erfolge bei der Bundes- und Landesschau begeisterten die Züchter.

1959 übernahm Eugen Kessel den Vorsitz des Kleintierzuchtvereins. 1960 gründete sich im Geflügelzuchtverein eine neue Jugendgruppe, 1964 auch beim Kleintierzuchtverein. Aus Alters- und Gesundheitsgründen gab Eugen Kessel den Vorsitz im Kleintierzuchtverein 1973 ab. Beim Festabend zum 75-jährigen Bestehen des Geflügelzuchtvereins waren prominente Gäste von Landes- und Kreisverband sowie von vielen Vereinen anwesend.

1973 übernahm Albert Kifferle den Vorsitz des Kleintierzuchtvereins und begeisterte Jugendliche für die Kleintierzucht. Ein Höhepunkt war das Jubiläum 50 Jahre Kleintierzuchtverein 1981 mit Festabend und Jubiläumsschau mit vielen Prachtexemplaren. 1983 beriefen die Mitglieder des Kleintierzuchtvereins Wolfgang Hess ins Vorstandsteam, 1985 übernahm er die Vereinsleitung. Federführend wirkte er beim Zusammenschluss von Geflügel- und Kleintierzuchtverein am 15. Juni 1986 zum Geflügel- und Kaninchenzuchtverein Z214 Murrhardt mit.

Wolfgang Hess übernahm den Vorsitz, Walter Helbig wurde sein Stellvertreter. Die Züchter der verschiedenen Sparten wuchsen zu einer Gemeinschaft zusammen und werden seitdem regelmäßig bei Lokal-, Landes- und Bundesschauen mit Bestnoten und Preisen ausgezeichnet. Nun gab es Theateraufführungen am Vorabend der Lokalschau, zunächst von der Theatergruppe Grab, nach deren Auflösung ab 1995 vom Reezer Theäterle aus Alfdorf-Rienharz.

Bereits seit etwa 60 Jahren findet die Lokalschau am Ewigkeitssonntag in Absprache mit den Kirchengemeinden statt, trotzdem gab es daran ab und zu Kritik.

1996 wollte das Land Baden-Württemberg solche Veranstaltungen an diesem stillen Feiertag verbieten, was aber auf starke Kritik und Widerstand der Kleintierzüchterverbände stieß. Auch die damalige Murrhardter Landtagsabgeordnete Rosely Schweizer engagierte sich dafür, dass die Lokalschau weiterhin am Ewigkeitssonntag stattfinden konnte. „Die Kleintierzüchterverbände setzten sich durch, seither gibt es keine Probleme mehr“, so Wolfgang Hess.

1999 feierte der Verein sein 100-jähriges Bestehen mit einem großen Jubiläumsfest. Zum Auftakt zeigte das Figurentheater Hibißkuss das Märchen „Aschenputtel“ für Kinder. Es folgten ein Comedyabend mit Lisa Fitz, der offizielle Festakt mit Kurztheaterstücken des Reezer Theäterles und die Jubiläumsschau zum Abschluss. 2001 bis 2003 baute der Verein eine Zuchtanlage hinter der Festhalle mit sieben „Häuschen“ oder Parzellen, die für Geflügel oder Kaninchen genutzt werden können.

Ein starker Einschnitt war die Coronapandemie: 2020 konnte keine Lokalschau stattfinden, 2021 gab es eine mit „Essen to go“, 2022 war keine Bewirtung möglich wegen des Umbaus der Stadthallenküche. Erst 2023 konnte wieder eine reguläre Lokalschau mit Bewirtung stattfinden. Wegen des Umbaus der Stadthallenterrasse zur Mensa der Walterichschule ist derzeit noch unklar, ob und wie die Lokalschau möglich ist. Das Jubiläum 125 Jahre Geflügel- und Kaninchenzuchtverein Murrhardt wird mit einem Festakt am kommenden Sonntag, 16. Juni, ab 11 Uhr im Heinrich-von-Zügel-Saal gefeiert.

Im Dritten Reich verlor der Verein wie andere seine Eigenständigkeit und es gab viele Vorschriften. Lokalschauen am Ewigkeitssonntag sollten verboten werden. Dies verhinderten Kleintierverbände. Walter Helbig und Manfred Zenker organisierten die erste gemeinsame Lokalausstellung.
Die Zuchtanlage des Vereins, die 2001 bis 2003 mit Parzellen für Geflügel und Kaninchen in der Nähe der Festhalle gebaut wurde.

© Privatsammlung Wolfgang Hess

Die Zuchtanlage des Vereins, die 2001 bis 2003 mit Parzellen für Geflügel und Kaninchen in der Nähe der Festhalle gebaut wurde.

Bedeutende Ausstellungen sowie Lokal- und Sonderschauen

1919 Es findet die erste gemeinsame Ausstellung des Geflügel- und Kaninchenzuchtvereins statt.

1927 Ausstellung mit 150 Tieren – auch von befreundeten Züchtern aus dem Umkreis – in der Sonne-Post.

1930 bis 1932 Murrhardter Züchter beteiligen sich an Ausstellungen in verschiedenen Kommunen der Region.

1933 Geflügel- und Kaninchenschau des Rems-Murrtal-Verbands mit über 400 Tieren im großen Saal der Textilfabrik Elsas.

1936 Bezirksgeflügelschau mit 127 Tieren.

1939 Der Geflügelzuchtverein feiert sein 40-jähriges Bestehen mit einer Ausstellung von 143 Tieren in der Sonne-Post und einem Festabend mit Ehrungen langjähriger Züchter.

1950 Zum 50-jährigen Bestehen zeigt der Verein eine Jubiläumsschau in der Stadthalle, einige Züchter präsentieren ihre Tiere bei der Landesgeflügelschau in Stuttgart.

1959 Bei der großen Murrtal-Kreisschau sind 230 Hühner, 200 Tauben und 220 Kaninchen ausgestellt.

1960 Jubiläumsschau 60 Jahre Geflügelzuchtverein mit 130 Hühnern sowie je 110 Tauben und Kaninchen.

1968 Kreiskaninchenschau mit 380 Tieren.

1970 Gemeinsame Ausstellung von Geflügel- und Kaninchenzüchtern mit 650 Tieren.

1972 Kreisgeflügelschau mit 665 Vögeln.

1974 Kreisgeflügelschau mit fast 600 Vögeln, Kreiskaninchenschau mit 450 Tieren.

1978 Kreiskaninchenschau mit 500 Tieren.

1976 bis 1988 Es gehörte ein Hahnenwettkrähen zum Programm der Jungtierschau.

2005 Bundesweite Klubschau der Havanna- und Alaskazüchter mit über 130 Züchterinnen und Züchtern aus ganz Deutschland, die 600 Kaninchen beider Rassen präsentierten. „Das war die größte Ausstellung, die wir je gemacht haben“, erinnert sich der heutige Vorsitzende Wolfgang Hess.

2008 bis 2011 Kreisschauen des Kreisverbands Backnang der Kleintierzüchter am Feiertag Heilige Drei Könige auf der Stadthallenterrasse. Wegen sehr kalter Temperaturen gefror das Wasser in den Käfigtränken. Darum finden die Kreisschauen seit 2012 in der Kirchberger Gemeindehalle statt.

2017 Sonderschau von Hühnern der Rasse Marans gemeinsam mit der Lokalschau.

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Erstellt:
14. Juni 2024, 06:00 Uhr

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