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Mit dem Mehrwegbehälter zum Einkaufen

Beim dritten Grünen Stadtgespräch in Murrhardt war die stellvertretende Bürgermeisterin Brackenheims Ute Frank zu Gast und berichtete über viele Bürgerprojekte zum Thema Klimaschutz, unter ihnen ein vom Bundesumweltministerium ausgezeichnetes.

Die Idee gibt es schon länger: Wer den eigenen Behälter zum Einkaufen an der Käse- oder Fleischtheke mitbringt, verursacht weniger Müll. In Brackenheim konnten beim Projekt „Klimafair – verpackungsarm einkaufen“ 21 der Einzelhandelsgeschäfte mit ins Boot geholt werden. Fotos: privat/J. Fiedler

Die Idee gibt es schon länger: Wer den eigenen Behälter zum Einkaufen an der Käse- oder Fleischtheke mitbringt, verursacht weniger Müll. In Brackenheim konnten beim Projekt „Klimafair – verpackungsarm einkaufen“ 21 der Einzelhandelsgeschäfte mit ins Boot geholt werden. Fotos: privat/J. Fiedler

Von Ute Gruber

MURRHARDT. Angelika Stierand und Susanne Trescher, die das Grüne Stadtgespräch organisieren, hatten Ute Frank eingeladen und freuten sich besonders über die vielen praktischen Anregungen am Abend. Gleich zu Beginn war klar: Die Brackenheimer Stadträtin ist Feuer und Flamme für die vielen, erfolgreichen Klimaschutzprojekte, die sie zusammen mit anderen engagierten Bürgern und dem städtischen Klimaschutzmanager in ihrem Heimatort auf die Beine gestellt hat. Highlight ist zweifelsohne das Projekt „Klimafair – verpackungsarm einkaufen“, für das Brackenheim unter 35 Bewerbern den Preis des Bundesumweltministeriums als Klimaaktive Kommune 2018 gewonnen hat. „Wir sind alle zusammen nach Berlin gefahren zur Preisverleihung. Das hat uns sehr zusammengeschweißt und großes Interesse in der Region geweckt“, beschreibt die temperamentvolle Referentin, die seitdem auf Kongressen und bei Kommunen begehrter Gast ist, stolz den Erfolg. „Und mit den 25000 Euro können wir weitere Ideen umsetzen.“

Das Prinzip ist eigentlich simpel: Statt in Einwegverpackungen wird die Ware direkt in Behältnisse gegeben, die der Kunde mitgebracht hat. Die Krux bei der Sache: Um nicht etwa eventuell anhaftende Keime weiterzuverbreiten, darf der Verkäufer laut bundesdeutschen Hygienevorschriften mit diesen Behältnissen nicht in Kontakt kommen. In vielen Teamsitzungen haben sich die zwölf ehrenamtlichen Mitglieder des Arbeitskreises Klimaschutz – alles Frauen – zusammen mit dem hauptberuflichen Klimaschutzmanager – als Quotenmann – über Lösungen zu diesem und anderen Themen Gedanken gemacht. Herausgekommen ist ein System mit Tabletts, das so auch vom Veterinäramt als unbedenklich abgesegnet wurde. Der Verkäufer stellt dem Kunden ein frisches Tablett auf die Theke, auf das dieser seine offenen Behälter stellt. Auf der Waage wird das gesamte Leergewicht austariert, dann kommt die Ware hinein und wird gewogen. Anschließend braucht der Kunde nur noch die Deckel schließen, bezahlen und zu Hause in den Kühlschrank räumen. „Das ist außerdem viel bequemer als das umständliche Einpacken und Auspacken“, erzählt Ute Frank, „man muss nur ein bisschen überlegen, was man genau braucht, bevor man losgeht“.

Im Unterschied zu einem Unverpacktladen, dessen Gesamtkonzept auf diesem Prinzip beruht, konnten in Brackenheim 21 der bestehenden Einzelhandelsgeschäfte mit ins Boot genommen werden und bieten so beide Systeme zugleich an. „Am Anfang hat man da ja ein bisschen verschämt seine Behälter rausgeholt“, gibt Ute Frank zu. Aber inzwischen habe die jeder Dritte, Vierte dabei. „Ja, darf man das denn wieder?!“, sei die angenehm überraschte Frage gerade älterer Mitbürger gewesen. Edeka, Denn’s, Hofläden, Bäckereien und Metzgereien sind beim Verpackungssparen mit von der Partie. Den letzten Metzger aber habe die kostenlose Publicity durch begeisterte Zeitungsberichte in der Heilbronner Stimme überzeugt.

Auch Flyer, Thekenaufsteller und Banner mit dem freundlichen Logo und den Hinweisen bekommen die Läden vom Arbeitskreis gestellt, das Landratsamt liefert inzwischen kostenlos Fotos, Roll-ups und Texte für die Homepage interessierter Geschäfte. „Nur die spülmaschinenfesten Tabletts müssen sie selber anschaffen.“ Weniger Verpackungsmüll spart Kosten, Ressourcen, CO2-Emmisionen und entlastet die Umwelt.

Ein Selbstläufer ist die Erfolgsgeschichte jedoch nicht, „wir sind zu jedem Laden hin und fragen auch regelmäßig nach, wie’s klappt“, erläutert die Stadträtin das Patensystem im Weinstädtchen am Heuchelberg. Sie findet es schön, gemeinsam etwas zu tun, statt zu lamentieren. „Aber ohne unseren Klimaschutzmanager und die Unterstützung des Bürgermeisters ginge das gar nicht“, stellt sie auf Nachfrage klar fest. Schon vor zehn Jahren hat sich die 16000-Einwohner-Kommune den Klimaschutz auf die Fahnen geschrieben, erläutert sie dem kleinen, aber sehr interessierten Publikum in der Sonne-Post in Murrhardt, das nach Anregungen für die Walterichstadt sucht. „Als Kleinstadt sind wir global gesehen ein kleines Licht“, sagt der Brackenheimer Bürgermeister Rolf Kieser im Kurzfilm über das preisgekrönte Projekt, „aber wenn andere folgen, kann unsere Welt besser werden.“

Mit Unterstützung der Universität Hohenheim habe man vor zehn Jahren ein Klimaschutzkonzept erstellt und Fördergelder eingeworben, um einen eigenen Fachmann anstellen zu können. Der Zimmermann, Bauingenieur und langjährige Energieberater Thomas Königstein war dann der erste kommunale Klimaschutzmanager im Landkreis Heilbronn und brachte nicht nur das technische Know-how mit, sondern auch Begabung in Menschenführung – ein Universalgenie. Ein Glücksfall jedenfalls für die Theodor-Heuss-Stadt, denn so wurden nicht nur bei den kommunalen Liegenschaften einige wichtige Energiesparpotenziale aufgedeckt – was die letzten Zweifler im Gemeinderat vollends überzeugte –, sondern auch zahlreiche Bürgerprojekte auf den Weg gebracht. „Man braucht einfach jemand, der die Fäden in der Hand hält“, beschreibt die Stadträtin die Aufgabe des Koordinators, „es gibt ja so viele interessierte Bürger!“

Mit dem Mehrwegbehälter zum Einkaufen

© Jörg Fiedler

„Man muss nur ein bisschen überlegen, was man genau braucht, bevor man losgeht.“

Ute Frank, stellvertretende

Bürgermeisterin Brackenheim

Weitere Klimaschutzprojekte in Brackenheim

Tütentauschtage: Plastiktüten werden gegen Stofftaschen getauscht, die individuell gestaltet werden können.

Filmabende: Gezeigt werden aufklärende Filme wie „Plastik Planet“, „Tomorrow – die Welt ist voller Lösungen“ oder „Saatgut – wir ernten, was wir säen“ verbunden mit einem „Markt der Möglichkeiten“.

BTB – Brackenheimer Tauschbörse: Getauscht werden seit 2017 Dienstleistungen nach persönlicher Begabung, wie Kuchen backen, Computer einrichten, Hecke schneiden oder Hund ausführen. Verrechnet wird mit der virtuellen Währung Zabertaler, wobei ein Zabertaler einer Viertelstunde Arbeit (gleich welcher Qualifikation) oder 2,50 Euro entspricht.

Projekttage für Schulklassen: Arbeitskreismitglied Beate Mönch hat Unterrichtsmaterial zusammengestellt zum Thema Ernährung und Einkaufen.

Stoffwindel-Testpaket: Werdende Eltern können zum Ausprobieren ein Stoffwindel-Set ausleihen.

Zero Waste: Für ein mit jungen Menschen gerammelt volles Bürgerhaus sorgte vor einem Jahr die Veranstaltung mit den in der Szene bekannten Bloggern Shia und Hanno Su, die auf unterhaltsame Weise über ihr nahezu müllfreies Leben berichten.

Change The Future: Bei dem EU-weiten Projekt können örtliche Kleingruppen mit 24 vorgeschlagenen Aktionen wie Carsharing oder im Team kochen Punkte sammeln. Nach vier Wochen lag Brackenheim in der internationalen Wertung als Kommune mit weitem Abstand auf Platz 1.

Unterrichtsmaterialien, Dokus und Berichte gibt es auf der Homepage der Stadt unter www.brackenheim.de sowie Vorlagen für Einzelhändler unter www.landkreis-heilbronn.de/partnerbereich.36426.htm.

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Erstellt:
25. Juni 2020, 06:00 Uhr

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