155 Millionen Jahre Sauropode
Neue Art der Langhalssaurier im Süden Chiles entdeckt
Ein Schafhirte entdeckt in Patagonien einen Dino-Riesen. Warum der Bicharracosaurus dionidei für die Forschung auf der Südhalbkugel so besonders ist.
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Zu den Sauropoden gehören die größten bekannten Landtiere überhaupt, mit einer Körperlänge von bis zu 40 Metern, bekannteste Vertreter sind Diplodocus oder Brachiosaurus.
Von Markus Brauer/dpa
in Schafhirte hat die Überreste eines rund 155 Millionen Jahre alten riesigen Tieres auf seiner Farm in Patagonien gefunden. An die 20 Meter lang ist der bis dahin unbekannte Langhalssaurier nach den Schätzungen eines deutsch-argentinischen Forschergsteams, das die Knochen des Bicharracosaurus dionidei aus der oberen Jurazeit geborgen und untersucht hat.
Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „PeerJ“ veröffentlicht worden, wie die Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) in München mitteilen.
Bicharracosaurus dionidei, gen. et sp. nov., a new macronarian (Dinosauria, Sauropoda) from the Late Jurassic Cañadón Calcáreo Formation of Argentina and the problematic early evolution of macronarianshttps://t.co/QxfjkRGQS3pic.twitter.com/zDmlQxoePh — Hildoceras (@HildoBifrons) April 16, 2026
30 riesige Wirbel geborgen
In der sogenannten Cañadón-Calcáreo-Gesteinsformation stießen die Forscher unter Leitung von Oliver Rauhut von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen und Alexandra Reutter von der Ludwig-Maximilians-Universität München auf mehr als 30 Hals-, Rücken- und Schwanzwirbel eines Langhalssauriers, außerdem auf mehrere Rippen und Teile des Beckenknochens.
Die Knochen verraten, dass es sich um einen ausgewachsenen Sauropoden handelte, der zu Lebzeiten rund 20 Meter lang war. Wie für Langhalssaurier typisch, besaß das Tier einen langen Hals und Schwanz und lief auf vier stämmigen Beinen.
Bicharracosaurus dionidei
Die Paläontologen haben ihren Fund Bicharracosaurus dionidei getauft, abgeleitet vom spanischen „bicharraco“ – großes Tier – und dem Vornamen des Schafhirten, der die ersten Fossilteile entdeckt hatte. Das Fossil wird im Museo Paleontológico Egidio Feruglio im argentinischen Trelew aufbewahrt.
Das Skelett zeige Ähnlichkeiten mit dem afrikanischen Giraffatitan, einem Brachiosauriden aus Tansania. Andere Merkmale, insbesondere an seinen Rückenwirbeln, ähneln dagegen Diplodocus und seinen nächsten Verwandten aus Nordamerika.
Vor 155 Millionen Jahren auf dem Südkontinent Gondwana
Der langhalsige Pflanzenfresser lebte vor 155 Millionen Jahren auf dem urzeitlichen Südkontinent Gondwana und gehört zu den frühesten Vertretern der Sauropoden auf der Südhalbkugel. Damit liefert das Fossil wertvolle Einblicke in die Evolution der ikonischen Riesendinosaurier.
Allerding geben die unterschiedlichen Merkmal der Art Rätsel auf. Die Sauropoden waren die Giganten der Urzeit: Mit bis zu 40 Meter Länge und 70 Tonnen Gewicht waren einige dieser langhalsigen Pflanzenfresser die größten Landtiere aller Zeiten.
Zu den ikonischen Riesen gehören so bekannte Vertreter wie Brachiosaurus, Diplodocus oder die Titanosaurier. Sie gehören zur großen Gruppe der Neosauropoden, die sich im mittleren Jura-Zeitalter aus kleineren, frühen Sauropodenformen entwickelten.
Wichtiger Fund auf der Südhalbkugel
„Unsere stammesgeschichtlichen Analysen des Skeletts weisen darauf hin, dass Bicharracosaurus dionidei verwandt war mit den Brachiosauriden. Das wären die ersten Brachiosauriden aus dem Jura Südamerikas“, sagt die Erstautorin der Studie, Alexandra Reutter.
Das Fossil vereine Merkmale verschiedener Sauropoden-Gruppen: Einige Skelettteile ähnelten dem afrikanischen Giraffatitan, andere – vor allem an den Rückenwirbeln – Diplodocus und dessen nordamerikanischen Verwandten.
Wichtige Ergänzung bisheriger Fundstellen
Oliver Rauhut betont die Bedeutung des Fundes für die Forschung. „Unser Wissen über die Evolution der Sauropoden der oberen Jurazeit beruht bisher ganz überwiegend auf vielen Fossilfunden aus Nordamerika und anderen Fundstellen auf der nördlichen Halbkugel. Auf den südlichen Kontinenten gab es lange Zeit nur eine einzige bedeutende Fundstelle in Tansania.“
Die Fossilfundstelle des Bicharracosaurus dionidei in der argentinischen Provinz Chubut liefere nun wichtiges Vergleichsmaterial, um das Bild von der Entwicklungsgeschichte dieser Tiere insbesondere auf der Südhalbkugel zu ergänzen und neu zu bewerten, erklärt Rauhut.
Mischung aus Brachiosauriden und Diplodociden
Ungewöhnlich ist die Mischung an Merkmalen, die Rauhut und sein bei diesem Jura-Sauropoden feststellten. Seine Rückenwirbel und einige andere Merkmale ähneln denen des Diplodocus und anderer Vertreter der Diplodocoidea aus Nordamerika – einer der beiden Gruppen der Neosauropoden.
Andere anatomische Merkmale passen dagegen eher zu den Brachiosauriden, zu denen Brachiosaurus, aber auch Giganten wie der Giraffatitan aus Afrika gehörten.
Der neu entdeckte Langhalssaurier könnte damit relativ nahe an der Basis dieser beiden großen Sauropodenlinien stehen. Die Paläontologen sehen Bicharracosaurus aber eher als engen Verwandten der frühen Brachiosauriden.
Neues Puzzleteil der Entwicklungsgeschichte
„Unsere stammesgeschichtlichen Analysen des Skeletts weisen darauf hin, dass Bicharracosaurus dionidei mit den Brachiosauriden verwandt war“, erläutert Reutter. Damit ist das neue Fossil einer der ältesten Nachweise dieser Sauropodengruppe in Südamerika.
„Die Fossilfundstelle in der argentinischen Provinz Chubut, aus der Bicharracosaurus dionidei stammt, liefert uns damit wichtiges Vergleichsmaterial, damit wir unser Bild von der Entwicklungsgeschichte dieser Tiere insbesondere auf der Südhalbkugel laufend ergänzen und neu bewerten können“, konstatiert Rauhut.
