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Notarztstandort Murrhardt ist eröffnet

Rettungswache direkt bei der Straßenmeisterei als wohnliche Stube mit Betten, Schränken und Blick auf den Schwäbischen Wald

Das kleine Gebäude gleich hinter dem Tor der Straßenmeisterei Murrhardt ist neu und gemütlich wie eine Wohnung eingerichtet. In Rekordzeit wurde der neue Notarztstandort am HarbachKreisel zwischen Sulzbach und Murrhardt komplett genehmigt, geplant, umgebaut und eingerichtet.

Einweihung der neuen Notarztwache (von links): Stefan Hein (Leitung des Dezernats 3 – Bauen, Umwelt und Infrastruktur im LRA), Rettungswachenleiter (Murrhardt) Tobias Schupp, Bürgermeister Armin Mößner, DRK-Kreisgeschäftsführer Sven Knödler, Vorsitzender des Bereichsausschusses Rettungsdienst Eberhard Kraut, Landrat Richard Sigel und Kreisbrandmeister René Wauro. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Einweihung der neuen Notarztwache (von links): Stefan Hein (Leitung des Dezernats 3 – Bauen, Umwelt und Infrastruktur im LRA), Rettungswachenleiter (Murrhardt) Tobias Schupp, Bürgermeister Armin Mößner, DRK-Kreisgeschäftsführer Sven Knödler, Vorsitzender des Bereichsausschusses Rettungsdienst Eberhard Kraut, Landrat Richard Sigel und Kreisbrandmeister René Wauro. Foto: J. Fiedler

Von Ute Gruber

MURRHARDT. „DRK Notarztwache“ steht auf dem glänzenden Schild am Eingang der Rettungswache. Drinnen gibt es zwei Schlafräume mit Bett, Schrank, Stuhl und Schreibtisch mit Blick durchs Panoramafenster auf den Innenhof und den Schwäbischen Wald. Eins für den diensthabenden Notarzt und eins für den Fahrer. Dazwischen liegt ein großer Dienst- und Aufenthaltsraum mit jeder Menge Elektronik, moderner Küchenzeile, Mikrowelle und Kaffeevollautomat, in jedem Raum ein riesiger Fernsehbildschirm und PC. Dazu die vorschriftsmäßigen (Miniatur-)Sanitärräume für Männlein und Weiblein.

Fast wie in einem Studentenwohnheim – wenn da dieses kleine, schwarze Kästchen an der Wand nicht wäre. Das macht das Ganze ungemütlich, aber auch erst sinnvoll. Wenn dieser Meldeempfänger mit seinem schrillen Pfeifton loslegt, wird es hektisch im Revier: Einsatzkleidung vollends angezogen, das Kästchen eingesteckt und raus zum NEF, dem Notarzt-Einsatzfahrzeug in der Garage, deren Tor sich bereits automatisch öffnet.

Ohne Plan, wo’s hingeht. Aber das weiß der Q5 mit den vier Ringen schon längst, denn dieser fahrenden Notfallpraxis wurden die Daten von der Rettungsleitstelle bereits eingespielt. Und während sich der Arzt über den medizinischen Notfall informiert, folgt der Fahrer den Anweisungen seines rot-weißen Flitzers. Ob der Herd, auf dem die Suppe eben noch köchelte, auch ausgeschaltet wurde, braucht die beiden nicht zu kümmern – auch das passiert automatisch bei Notruf.

Hochgelobt wird auch der Standort am außerorts gelegenen Harbach-Kreisverkehr: „Da geht das Ausrücken schnell und es liegt zentral an einer guten Straße“, erläutert DRK-Geschäftsführer Sven Knödler die Vorteile gegenüber dem Standort im bergigen Althütte, wo die Einsatzfahrzeuge seither standen. Er erklärt auch die Vorteile des sogenannten Rendezvous-Systems, bei dem der Notarzt im Pkw unabhängig vom Rettungswagen am Einsatzort eintrifft: „Sobald die Person stabilisiert ist und es nur noch um den Transport geht, kann so der Notarzt gleich für den nächsten Einsatz eingeteilt werden.“

„Vor 15 Jahren wären die Leute

noch einfach zum Arzt gegangen“

Für Einsätze in Murrhardt wird der Rettungswagen weiterhin aus der Wache in der Hörschbachstraße starten, wenn auch die Räumlichkeiten dort nicht mehr zeitgemäß und eng sind. Zumindest vorerst. Angedacht ist eine zukünftige Zusammenführung von Ortsgruppe, Rettungswache und Notarztwache. 9 der 17 festangestellten Mitarbeiter – dazu 4 Azubis – werden ab jetzt dem Notarzt zur Seite gestellt. Sie müssen als Notfallsanitäter – früher Rettungsassistent genannt – qualifiziert sein und bilden die lokale Konstante im Team, denn die Notärzte sind meist über ein Krankenhaus angestellt und ortsfremd. Die standardisierte Qualifikation soll eine weitgehend reibungslose Zusammenarbeit auch fremder Personen ermöglichen.

Eine kritische Feststellung hört man immer wieder unter den anwesenden Lebensrettern: „Heute rufen die Leute den Notruf wegen Dingen an, da wären sie vor 15 Jahren noch einfach zum Arzt gegangen.“ Ob Unsicherheit, Bequemlichkeit oder abnehmendes Urteilsvermögen: Bagatelleinsätze binden Kapazitäten, die anderswo zur Lebensrettung dringend gebraucht würden. Knödler stellt außerdem fest: „Die Funktion der Rettungskette hängt immer am schwächsten Glied – das ist oft der Ersthelfer!“, und appelliert an alle: „Wenn Sie helfen können: Fahren Sie nicht vorbei!“

Für Bürgermeister Armin Mößner, der daran erinnert, dass im Altkreis Backnang zwischen Gaildorf und Backnang noch drei Krankenhäuser gestanden hätten, „mit Murrhardt als medizinischem Mittelpunkt“, und heute keines mehr, ist dieser Tag vor Allerheiligen heuer ein Tag zum Freuen, nicht zum Gruseln. Er hat seit April 2015, als die unzureichenden Hilfsfristen bekannt wurden, um eine Verbesserung gerungen.

Landrat Richard Sigel, der auch Präsident des DRK im Kreis ist, tritt heute als Vermieter auf und lobt die hervorragende Zusammenarbeit im Bereichsausschuss und die rasche Entscheidungsfindung im Kreistag.

Eberhard Kraut, Vorsitzender des Bereichsausschusses für den Rettungsdienst im Kreis, beschreibt das Maßnahmenpaket, in welchem Struktur, Personal und Finanzierung geklärt werden musste: „Welche Einrichtung übernimmt welche Maßnahme?“ Er schwört auf lokale Verantwortung, weil diese effektiv und angemessen agiere, mahnt aber auch zum Blick über die Grenzen: „Was können wir uns dort abgucken?“

Zum Eröffnungsbuffet in der herbstlich geschmückten Halle hat Wachenleiter Tobias Schupp als Dank an die Mitarbeiter einen essbaren Notarztwagen spendiert. Mit unter den rund 80 Gästen sind auch die Mitarbeiter der Straßenmeisterei, die der Notarztwache zuliebe in ihren Räumlichkeiten jetzt ein bisschen enger zusammenrücken müssen.

Info
Daten und Fakten zur Murrhardter Rettungswache

Seit 1. November ist Murrhardt offiziell ein zusätzlicher Notarztstandort und 24 Stunden täglich besetzt. Die Notarztwache in Althütte soll bis Frühjahr nach Welzheim umziehen.

Die Murrhardter Umbauarbeiten haben 80000 Euro gekostet. Aufwendig war die Erstellung der automatischen Toranlagen, der Schränke und Tresore für Medizin und Betäubungsmittel.

Das Maßnahmenpaket zur besseren Notfallversorgung im Kreis wurde aus dem Strukturgutachten entwickelt und beinhaltet 55 neue Mitarbeiter, 5,5 zusätzliche Fahrzeuge, 2 neue Notarztstandorte und 9 zusätzliche Kräfte in der Leitstelle. Insgesamt investiert der Kreis eine Million Euro.

Aktuell hat die Murrhardter Rettungswache im Schnitt sechs bis sieben Einsätze pro 24 Stunden mit einer Dauer von durchschnittlich je zwei Stunden.

Der Disponent in der Einsatzleitstelle in Waiblingen hat maximal 90 Sekunden Zeit, um am Telefon zu erkennen, wie dringend der vorliegende Fall ist. Dazu wird eine strukturierte Notrufabfrage durchgeführt (zu Ansprechbarkeit, Atmung, Kreislauf, Schmerzen).

Anhand dieser Einschätzung schickt er entweder Rettungswagen mit Notarzt, nur Rettungswagen, mit oder ohne Blaulicht, Krankentransportwagen oder er verweist den Anrufer an den hausärztlichen Notdienst vor Ort.

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Erstellt:
2. November 2019, 06:00 Uhr

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