Nach Lebenskrise
Pinsa und Lebensfreude auf Rädern
Wenn die Linorias den Foodtruck öffnen, stehen Pinsa, Pasta und italienische Lebensart auf der Speisekarte. Der Weg in die Selbstständigkeit begann mit einer Lebenskrise.
© Maren recken
Giuseppe und Giuseppina Linoria in ihrem Foodtruck.
Von Maren Recken
Eigentlich verlief das Leben von Giuseppe und Giuseppina Linoria in klar strukturieren Bahnen. Er verdiente als gelernter Kunststoffformengeber bei einem Autozulieferer das Geld, sorgte in der Freizeit als DJ und Sänger auf italienischen Events für Stimmung und ließ sich einmal jährlich einen Bart wachsen, um als Christus bei der Karfreitagsprozession der italienischen Kirchengemeinde seiner Heimatstadt Mühlacker die Kreuzigung Jesus nachzuspielen. Sie kümmerte sich um Haus und Kinder. Gemeinsam tourten sie mit einer sizilianischen Volkstanzgruppe von Auftritt zu Auftritt und servierten nebenbei als Caterer italienische Spezialitäten.
„Dann kam einiges zusammen, vor allem kam ich mit der Schichtarbeit nicht mehr zurecht“, berichtet Linoria von seiner beruflichen und persönlichen Krise, die damit endete, dass seine Frau zur Hauptverdienerin wurde und er versuchte, sich zu Hause aus der Krise zu kochen.
Spitznamen: Peppina und Peppino
„Es war komisch, dass die bekannten Strukturen plötzlich weg waren. Dazu kamen Existenzängste, was passiert, wenn mein Mann nicht mehr in den Beruf zurückfindet“, erinnert sie sich an diese Zeit. „Ich war gefangen zwischen der Sorge für die Familie und der Erkenntnis, dass man nur für andere da sein kann, wenn man selbst glücklich ist“, denkt er zurück. „Auf dem Rückweg von einem Familienausflug mit den drei Kindern überholten wir auf der Autobahn einen Foodtruck“, beschreiben beide die Geburtsstunde zur Selbstständigkeit im rollenden Gastrogewerbe. Die heißt P79 und geht mittlerweile mit dem zweiten eigenhändig aus Florenz importierten Foodtruck im stylischen Retrodesign erfolgreich ins fünfte Jahr. Wobei P für Pinsa, Pasta sowie für Peppina und Peppino, die Spitznamen der beiden, und 79 für ihr Geburtsjahr stehen. Dass das Ehepaar mit italienischem Pass und deutschem Eigenheim viele Stammkunden hat, liegt zum einen daran, dass die Pinsa, eine entfernt an Pizza erinnernde italienische Hefeteigspezialität aus Reis-, Soja- und Weizenmehl, der mit hausgemachter Tomatensoße bestrichen und mit variablen Zutaten belegt wird, einfach lecker schmeckt. Und erklärt sich zum anderen damit, dass die beiden neben der italienischen Küche auch italienische Lebensart zu den Kunden bringen.
„Socializzare“: Ein italienische Begriff, der nüchtern mit Kontakte knüpfen übersetzt werden kann, gleichzeitig aber umfasst, dass Pinsa oder Pasta essen und danach einen Espresso trinken, neben Durst und Hunger stillen, auch Kommunikation als Seelennahrung bedeutet. „In Italien geht man auf die Piazza und ist mittendrin im Leben“, erzählen die zwei in Deutschland geborenen Italiener von unzähligen Reisen in die italienische Heimat der Eltern.
„Wir sind über zwanzig Jahre lang mit dem Auto jeden Sommer zu den Verwandten nach Sizilien gefahren“, berichtet Peppino von Stunden im Auto, Sommerferien in Süditalien und vom Wechsel zwischen zwei Kulturen. „Die Deutschen kommen“, hätte es bei der Verwandtschaft in Kampanien immer geheißen, wenn sie zu Besuch kamen, ergänzt Peppina. Der Wechsel zwischen Deutschland und Italien hat die beiden zu „italo-tedeschi“ gemacht, einem Gemisch aus zwei Kulturen, dass sie keine Antwort auf die Frage finden lässt, was an ihnen deutsch und was italienisch ist. „Ich hatte das Glück in einer deutschen Familie aufzuwachsen“, erzählt Peppino, dass der Vater zuerst in Illingen ein Zimmer hatte, die Frau nachkam, die Kinder geboren wurden und die Vermieterin schnell Oma nannten. „Oma hat meiner Mutter auch beigebracht, schwäbischen Kartoffelsalat zu machen“, berichtet er von kulinarischer Integration aus Kindertagen, die er heute umgekehrt zurückgibt.
Mit Pasta und Pinsa aus dem Foodtruck an wechselnden Standorten rund um Mühlacker und auf Anfrage als Caterer im ganzen Ländle. Und manchmal greift er zum Mikro und gibt den Kunden ein Ständchen: socializzare eben.
