Rüstungstracker BW
Rüstungsmilliarden kommen nur teilweise im Südwesten an
Die steigenden Militärausgaben sollen auch die Wirtschaft ankurbeln. Eine Auswertung unserer Zeitung zeigt, dass die Umsätze anderswo stärker steigen als in Baden-Württemberg.
© KI/Midjourney, Illustration: Locke
Was bewirken die Rüstungsmilliarden in Baden-Württemberg? Der „Rüstungstracker“ zeigt es.
Von Jan Georg Plavec, Simon Koenigsdorff
Die Wirtschaft in Baden-Württemberg profitiert nur sehr bedingt von den gestiegenen Militärausgaben seit Russlands Überfall auf die Ukraine 2022. Das zeigt eine Auswertung der Geschäftszahlen von 94 im Südwesten vertretenen Firmen aus der Rüstungs- und Verteidigungsbranche.
Bei großen Systemherstellern wie KNDS, Rheinmetall oder Hensoldt liegen die aktuellsten berichteten Umsätze aus dem Jahr 2024 um mehr als die Hälfte über denen des Jahres 2021. Ihren Hauptsitz haben diese Firmen aber nicht in Baden-Württemberg. Zwar verzeichneten auch etliche Rüstungsfirmen aus dem Südwesten starke Umsatzzuwächse. Darunter sind aber viele kleinere Unternehmen. Am deutlichsten sticht Diehl Defence heraus: Die Firma mit Sitz in Überlingen hat ihren Umsatz seit 2021 fast verdreifacht. Der bekannte Waffenhersteller Heckler & Koch (Oberndorf am Neckar) kam auf plus 18,3 Prozent.
Um diesen Branchenkern herum sammeln sich auch infolge der Krise der Auto- und Maschinenbauer immer mehr potenzielle Zulieferer. Aus Branchenquellen, Mitgliederlisten von Verbänden sowie Experteninterviews hat unsere Zeitung für den „Rüstungstracker“ eine Liste mit 180 Firmen erstellt, die hauptsächlich oder teilweise mit Rüstung und Verteidigung ihr Geld verdienen und einen Sitz in Baden-Württemberg haben. Es ist die erste umfassende Übersicht dieser Art. Sie zeigt auch, dass es neben dem bekannten Rüstungscluster am Bodensee in der Region Stuttgart sowie im Raum Ulm, Aalen und Heidelberg Ansammlungen entsprechender Unternehmen gibt.
Branchenexperten glauben nicht, dass der Aufschwung der Rüstungsindustrie die Umsatzrückgänge und den Stellenabbau in der Auto- und Maschinenbaubranche kompensieren kann. Dafür seien die Stückzahlen zu niedrig, sagt Axel Borowski von der Unternehmensberatung Pwc. Der IG-Metall-Branchenexperte Jürgen Bühl beobachtet zwar, dass viele Unternehmen aus dem Sektor „sehr dynamisch und in größerer Zahl einstellen“. Die Gewerkschaft schätzte die Beschäftigtenzahl der von ihr betreuten Unternehmen im Jahr 2023 noch auf rund 100.000. Dass daraus viel mehr als 150.000 werden, hält Bühl aber für unrealistisch – „es sei denn, die Nato wird angegriffen. Dann ist die Welt eine andere“.
Viele Rüstungsfirmen im Südwesten
Baden-Württemberg gilt als eines der Bundesländer mit der größten Konzentration von Rüstungsunternehmen mit relativ vielen Beschäftigten in diesem Bereich. Allerdings sei das Potenzial der Branche für den Strukturwandel sowie volkswirtschaftliche Impulse begrenzt, mahnt der Hamburger Forscher Michael Brzoska. Rüstungsgüter würden „nicht als Investitionen gezählt“, sagt er. Hier ist er mit dem arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln einig, das für die milliardenschwere Aufrüstung nur schwache volkswirtschaftliche Impulse prognostiziert. Stärkere Effekte wären nur möglich, wenn die Ausgaben zur Entwicklung neuer, auch zivil produktiv nutzbarer Technologien führten. Ob das eintritt, ist offen.
Betrachtet wurden die Umsätze der Jahre 2021 bis 2024. Für das Jahr 2025 liegen die Zahlen noch nicht flächendeckend vor. Unternehmen, die nur teilweise im Rüstungsgeschäft tätig sind, weisen die Ergebnisse aus dieser Branche in der Regel nicht separat aus.
