Josef Mengele: Der „Todesengel von Auschwitz“
Schweizer Nachrichtendienst veröffentlicht das „Mengele-Dossier“
Nach Protesten von Historikern gibt es nun Einblick in das Schweizer „Mengele-Dossier“. Welche Spuren und Hinweise auf den „Todesengel von Auschwitz“ in den Akten zu finden sind. Eine Spurensuche.
© Imago/United Archives
Josef Mengele (Mitte) zwischen den Kommandanten Richard Baer (links) und Rudolf Höß an der Solahütte bei Auschwitz, 1944. Aufnahme aus dem Auschwitz-Album Karl-Friedrich Höckers.
Von Markus Brauer
Der Schweizer Nachrichtendienst (NDB) hat zahlreiche Unterlagen über den Nazi-Verbrecher Josef Mengele (1911-1979) öffentlich zugänglich gemacht. Darunter sind viele Zeitungsberichte, aber auch Polizeidokumente, die stellenweise geschwärzt sind.
In den Unterlagen „Mengele Dossier“ geht es unter anderem um Hinweise an die Polizei, dass Mengele sich möglicherweise nach seiner Flucht aus Deutschland in der Schweiz aufgehalten haben könnte oder eine Einreise unter falschem Namen plane.
Ebenso finden sich verschiedene Hinweise auf dessen angeblichen Aufenthalt, etwa in Irland, Argentinien oder Chile. Laut einem anderen Dokument war 1964 ein als Student getarnter israelischer Spion in der Schweiz, um Spuren Mengeles zu verfolgen.
Historikerbeschwerde erfolgreich
Bislang hatte der Nachrichtendienst Versuche von Historikern, die Unterlagen einzusehen, abgelehnt, zuletzt im Februar 2026. Er verwies stets darauf, dass es dafür eine Schutzfrist bis 2071 gebe. Der Historiker Gérard Wettstein, der zu Mengele forscht, hatte dagegen beim Bundesverwaltungsgericht erfolgreich Beschwerde eingelegt.
„Geschwärzt ist nur, was geschützt werden muss: Personendaten von früheren und heutigen Angestellten der Bundesverwaltung mit Bezug zum NDB und seinen Vorgängerorganisationen, Informationen, die dem gesetzlichen Quellenschutz unterliegen, sowie Personendaten von Drittpersonen mit überwiegenden Persönlichkeitsrechten“, teilt das zuständige Verteidigungsministerium mit.
Das Mengele-Dossier war vom Polizeidienst der Bundesanwaltschaft, der Vorgängerorganisation des NDB, erstellt worden und 2001 an das Bundesarchiv gegangen.
Der „Todesengel von Auschwitz“
Der Arzt Josef Mengele (1911-1979) war im Konzentrationslager Auschwitz für grausame, oft tödliche medizinische Experimente verantwortlich und unter dem Namen „Todesengel von Auschwitz“ bekannt. Ihm gelang nach Kriegsende die Flucht nach Südamerika. 1979 ertrank er bei einem Badeunfall in Brasilien.
Lebensstationen des NS-Kriegsverbrechers Josef Mengele
- Herkunft und Ausbildung (1911–1936): Günzburg (Bayern): Geboren am 16. März 1911 als ältester Sohn einer wohlhabenden Industriellenfamilie (Mengele Agrartechnik).
- München, Bonn, Wien: Ab 1930 Studium der Medizin und der Anthropologie. München: Promotion zum Dr. phil. (1935) unter dem Rassenhygieniker Theodor Mollison mit einer anthropologischen Arbeit.
- Leipzig: Medizinisches Staatsexamen und kurzes Praktikum an der Universitäts-Kinderklinik (1936).
- Radikalisierung und Kriegsdienst (1937–1943):
- Frankfurt am Main: Ab 1937 Assistent am renommierten Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene unter Otmar von Verschuer.
- Promotion 1938 zum Dr. med. Eintritt in die NSDAP (1937) und die SS (1938)
- Kriegseinsatz: Meldet sich 1940 freiwillig zur Waffen-SS. Einsatz als Truppenarzt an der Ostfront (u. a. bei der SS-Panzer-Division „Wiking“). Nach einer Verwundung im Jahr 1942 wird er für untauglich erklärt und an das Kaiser-Wilhelm-Institut nach Berlin zurückbeordert.
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- Lagerarzt im KZ Auschwitz-Birkenau (Mai 1943 – Januar 1945):
- Auschwitz: Am 30. Mai 1943 tritt er seinen Dienst im Vernichtungslager an, zunächst als Lagerarzt im „Zigeunerlager“.
- Verbrechen: Mengele nimmt massenhaft Selektionen an der Rampe vor und entscheidet eigenhändig über Leben und Gastod von Hunderttausenden Häftlingen. Berüchtigt wird er für seine grausamen, oft tödlichen menschenverachtenden medizinischen Experimente, insbesondere an Zwillingen und Menschen mit körperlichen Fehlbildungen. Seine Forschung betreibt er weiterhin in enger Abstimmung mit wissenschaftlichen Instituten in Deutschland.
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- Kriegsende und Untertauchen (1945–1949):
- Groß-Rosen & Flucht: Kurz vor der Befreiung von Auschwitz flieht Mengele im Januar 1945 nach Westen (unter anderem über das KZ Groß-Rosen).
- Bayern: Er entgeht der Entdeckung durch die Alliierten, weil er keine Blutgruppentätowierung der SS trägt. Unter falschem Namen („Fritz Hollmann“) taucht er vier Jahre lang als Knecht auf einem Bauernhof in Rosenheim (Oberbayern) unter.
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- Flucht nach Südamerika und Tod (1949–1979):
- Argentinien (Buenos Aires): 1949 gelingt ihm mithilfe von Fluchtnetzwerken („Rattenlinie“) die Ausreise nach Argentinien. Durch die finanzielle Hilfe seiner Familie baut er sich dort eine Existenz auf, zeitweise sogar unter seinem echten Namen.
- Paraguay: Nach der Verhaftung von Adolf Eichmann durch den Mossad gerät Mengele in Panik und setzt sich 1959 nach Paraguay ab.
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- Brasilien (São Paulo): Seine letzte Station. Er lebt versteckt in der Region São Paulo, unterstützt durch ein Netzwerk alter Nationalsozialisten.
- Bertioga (Brasilien): Am 7. Februar 1979 ertrinkt Mengele nach einem Schlaganfall beim Baden im Meer. Er wurde unter dem Falschnamen „Wolfgang Gerhard“ begraben.
- Seine Identität wurde erst 1985 durch Exhumierung und DNA-Analysen zweifelsfrei nachgewiesen. Bis zu seinem Tod wurde er nie für seine Verbrechen gerichtlich zur Rechenschaft gezogen. (mit dpa-Agenturmaterial)
© Imago/Andia
Foto vom Torhaus des KZ Auschwitz-Birkenau,
