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Storchentrio auf Stippvisite in der Stadt

Drei der majestätischen Vögel haben auf dem Dach des Grabenschulhauses Station gemacht. Wie gezielt sie unterwegs sind, muss offenbleiben. Anhand ihrer Beringung konnte Ute Reinhard aber feststellen, dass ein Tier aus Ubstadt und eines vom Affenberg bei Salem stammt.

Gleich drei Störche rasten auf dem Grabenschulhausdach, von wo aus sie einen guten Blick auf Murrhardt haben. Der letzte Besuch eines Adebars reicht schon eine Weile zurück – im Februar 2016 machte zu später Stunde und bereits im Dunkeln ein Weißstorch auf dem Rathausdach Station. Foto: C. Schick

Gleich drei Störche rasten auf dem Grabenschulhausdach, von wo aus sie einen guten Blick auf Murrhardt haben. Der letzte Besuch eines Adebars reicht schon eine Weile zurück – im Februar 2016 machte zu später Stunde und bereits im Dunkeln ein Weißstorch auf dem Rathausdach Station. Foto: C. Schick

Von Christine Schick

Murrhardt. Es ist am späteren Dienstagnachmittag vor einer Woche, als in der Murrhardter Grabenstraße einzelne Passanten immer wieder stehen bleiben und zum Grabenschulhaus schauen. Drei Weißstörche haben sich auf dem großen Dach niedergelassen und putzen ihr Gefieder, das sich gegen den trüben Himmel absetzt. Handys werden gezückt, einzelne machen sogar kurz mit dem Auto halt, um die Tiere in Augenschein zu nehmen. Schnell spricht es sich in Murrhardt herum, dass drei Adebare in der Stadt zu Besuch sind. Der währt nicht lange, am Mittwoch sind die Tiere wieder weitergezogen.

Nach der Einschätzung von Hartmann Widmaier, Vorsitzender des Nabu-Ortsverbands Murrhardt, könnten sie sich nun möglicherweise auf den Weg gen Süden machen. „Üblicherweise ziehen die Weißstörche im August ab, wobei laut Literatur die Jungstörche etwa eine Woche vor den Altvögeln abfliegen. Da ihnen die Zugroute angeboren ist, finden auch die Jungtiere nach Afrika“, erläutert er. Insofern tippt er darauf, dass es sich eher um etwas später abfliegende Altvögel handelt, vielleicht sogar aus der näheren Umgebung, da die Walterichstadt nicht an einer klassischen Storchenroute liegt. Viel Hoffnung, dass Murrhardt und Umgebung zu einer neuen Storchenwahlheimat werden könnte, hat er allerdings nicht. „Da wir hier im Rems-Murr-Kreis nach wie vor viel Wald und intensiv bewirtschaftete Wiesen haben, rechne ich eher nicht mit einer Ansiedlung des Weißstorches bei uns. Das geplante Polder Gaab dürfte von der Grenze das untere Limit darstellen, was ein Weißstorchpärchen benötigt. Mal abwarten, wie oft das eingestaut wird und welche Bewirtschaftung dort erfolgen kann.“ Zum Stichwort Polder: In der Nähe der Eisenschmiedmühle in Richtung Fornsbach ist seit vielen Jahren ein Hochwasserrückhaltebecken auf den Wiesen und landwirtschaftlichen Flächen geplant. Konflikte und Schwierigkeiten sieht Widmaier in der intensiven Landnutzung, aber auch im dichten Verkehr und aufgrund von Stromleitungen, die zwar langsam abgebaut würden, zunächst aber vorrangig in Waldgebieten – und die sind für den Weißstorch nicht attraktiv.

Die Ansiedlung der Tiere hängt entscheidend vom Nahrungsangebot ab

Volker Weiß vom Nabu Baden-Württemberg, der in Murrhardt lebt, schließt sich dieser Einschätzung an. Im Rems-Murr-Kreis sieht es bisher in puncto Brutplätze mau aus – noch hat sich kein Paar niedergelassen, um Nachwuchs zu zeugen. Und auch wenn er sich wünscht, dass die Strommasten weiter umgerüstet beziehungsweise entschärft werden, seien die nicht das Hauptproblem. Entscheidend sei das Nahrungsangebot: Störche brauchen offene Landschaften, Wiesen und Feuchtgebiete, wo sie Frösche, Mäuse und große Insekten finden. Das lässt sich letztlich sogar auf ihren Zugreisen beobachten. Weiß erinnert sich daran, dass Tiere auf dem Weg nach Süden in stattlicher Anzahl beispielsweise einmal an der Enz Station machten, wo das alte Grabensystem reaktiviert worden war und entsprechende gute Bedingungen herrschten, oder in der Rheinebene. Erfreulich ist für ihn, dass der Bestand der Störche in den vergangenen Jahren wieder gestiegen ist. Ob sich Vögel im Rems-Murr-Kreis neu ansiedeln, bliebe abzuwarten. In Murrhardt und Umgebung haben die großflächigen Wiesen abgenommen, die Murr ist begradigt, die Waldflächen sind vorherrschend, insofern die Bedingungen nicht ideal. Möglicherweise waren die auch in Welzheim nicht gut genug. Gerd Deeß von der dortigen Nabu-Ortsgruppe erzählt, dass vor etwa zehn Jahren ein in der Wilhelma gebürtiger Jungstorch sich tagelang am nördlichen Stadtrand bei der Obermühle aufgehalten hat. Gemeinsam mit Mitgliedern der freiwilligen Feuerwehr habe man ein Korbnest installiert. Der Storch habe es auch besucht, verpaart habe er sich allerdings nicht.

Gleichsam reagiert der Naturschutzbund auf das Wachstum der Zahlen. Volker Weiß berichtet, dass der Landesverband bald eine Schulung für Ehrenamtliche anbietet, damit diese nach der Ausbildung beispielsweise das Brutgeschehen verfolgen und dokumentieren, bei der Beringung helfen oder als Ansprechpartner vor Ort beraten können. Es bedarf mehr Helfern über die Experten hinaus. „Manche freuen sich, wenn Störche sich auf ihrem Haus niederlassen, manche fühlen sich eingeschränkt“, sagt er. Letztlich haben aber auch die Umweltschutzbehörden in Bezug auf solche Fälle ein Wörtchen mitzureden, und es muss gemeinsam nach einer Lösung gesucht werden.

Storchenexpertin Ute Reinhard schätzt, dass der jährliche Zuwachs in Baden-Württemberg um die zehn bis 15 Prozent liegt, wobei es regionale Unterschiede gibt. „2018 war ein gutes Brutjahr. Zurzeit beruht der Zuwachs aber nicht auf dem Bruterfolg, sondern einer verringerten Sterblichkeit“, berichtet sie. Mit eine Rolle dabei spiele, dass viele der Vögel nur noch bis Spanien ziehen und nicht mehr weiter nach Afrika, was letztlich gefährlicher ist. Der Storch hat sich den veränderten Lebensbedingungen angepasst und bedient sich in seinem Winterquartier neben dem, was er auf Reisfeldern findet, auch auf Müllkippen. „Nachts sind sie am Fluss, tags fliegen sie sozusagen ins Restaurant“, erläutert sie mit einem Schmunzeln. Insofern hat Ute Reinhard Bedenken, wie sich die EU-Regelung auswirkt, dass Deponien nun ihre Flächen abdecken müssen und die Tiere so keinen Zugang mehr zu den gedeckten Tischen haben.

Und die Storchenexpertin kann in Bezug auf die Murrhardter Gäste, die allesamt beringt sind, nachforschen. Zwei der Markierungen sind auf den Fotos lesbar. Ein Storch stammt aus Ubstadt, Gewann Silzewiesen, im Kreis Karlsruhe und ist dort 2019 geschlüpft. Beim zweiten handelt es sich um einen Jungstorch, der 2020 im Affenberg, einem Tierpark bei Salem, das Licht der Welt erblickt hat. Daraus schließt Ute Reinhard, dass es sich bei dem Besuch eher um ungezielte Erkundungen handeln könnte und weniger um einen gerichteten Zug gen Süden. „Nicht alle fliegen weg, manche bleiben auch hier und überwintern in Deutschland.“ Andere ließen sich dann doch vom Reisefieber anstecken. Falls die drei Kurzgäste dazugehören: Guten Flug!

Im Nest und unterwegs

Horststandorte Auf einer Karte gibt die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg einen Überblick, wie es in den einzelnen Kreisen aussieht (2015 bis 2020) – Netzadresse: https://tinyurl.com/324uwwfk

Nabu-Blog Storchenexperte Kai-Michael Thomsen beschäftigt sich mit den Zugrouten der Tiere. Der Blog findet sich unter https://blogs.nabu.de/stoerche-auf-reisen im Internet.

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Erstellt:
8. September 2021, 06:00 Uhr

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