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Tosender Beifall für die Klangbrückenbauer

Zahlreiche Musikfreunde genießen in der Murrhardter Festhalle bei strengen Corona-Einschränkungen das einzige, dafür aber umso klangfarbenreichere und vergnüglichere Neujahrskonzert der Stuttgarter Saloniker.

Die Murrhardter haben Schwein: Das heuer einzige Neujahrskonzert geben die Stuttgarter Saloniker unter der Leitung von Patrick Siben (rechts am Klavier) in der Festhalle der Walterichstadt. Foto: E. Klaper

Die Murrhardter haben Schwein: Das heuer einzige Neujahrskonzert geben die Stuttgarter Saloniker unter der Leitung von Patrick Siben (rechts am Klavier) in der Festhalle der Walterichstadt. Foto: E. Klaper

Von Elisabeth Klaper

Murrhardt. Die Sehnsucht nach Kultur und Musik ist auch in der Walterichstadt groß. So lockt das Neujahrskonzert der Stuttgarter Saloniker, das erste seit zwei Jahren und heuer leider auch einzige, zahlreiche Einheimische und Musikfans aus der ganzen Region von Sulzbach bis Ludwigsburg in die Murrhardter Festhalle. „Wir wollen endlich wieder Live-Präsenz-Musik und die Saloniker hören“, aber auch Solidarität mit Künstlern und Kulturschaffenden nennt die Besucherschar als Hauptmotivationsgrund. Trotz der strengen Coronaregeln und winterlicher Witterung sind über 50 Personen gekommen. Dennoch bleiben etliche Plätze leer.

Es gibt ein kleines Jubiläum zu feiern, denn vor 20 Jahren gaben die Stuttgarter Saloniker ihr erstes Neujahrskonzert in der Festhalle. Auch heuer verzaubern sie das Publikum mit ihrem wohl einzigartig vielseitigen Repertoire aus Konzert- und Unterhaltungsmusik nach Originalnoten aus der Zeit „unserer (Ur-)Großeltern“ – des Jugendstils und der 1920er-Jahre. Mit überschäumender Musizierfreude überwinden sie spielerisch leicht stilistische und kulturelle Unterschiede, bauen Klangbrücken von der Klassik bis zum Jazz. Voller Charme und Witz führt Kapellmeister Patrick Siben durchs Programm. Geistreich plaudert er aus der Kultur- und Musikgeschichte und streut pointierte Anmerkungen zu aktuellen Themen ein.

So auch zu Corona: „Das muss einfach raus.“ Künstler seien durch die Pandemie „in eine schwierige Notlage geraten und haben’s besonders schwer“. Denn: „Kunst scheint einfach nicht systemrelevant zu sein.“ Doch Patrick Siben will wissenschaftliche Beweise gefunden haben, dass der fürs Immunsystem wichtige Immunglobulin-B-Anteil im Körper ansteigt, wenn man entspannt und mit Freude Kultur betreibt. Insofern sei es „sehr gut, dass es die Stadt Murrhardt geschafft hat, ein Neujahrskonzert zu veranstalten“, hebt der Kapellmeister hervor, andere Städte hingegen nicht.

Auch die Saloniker haben eine schwierige Zeit hinter sich. Darum freuen sie sich umso mehr, endlich wieder vor größerem Publikum auftreten zu können, und danken den Besuchern, indem sie in Bestform alle Register ihres Könnens ziehen. Jedes präsentierte Werk wird zum großen Hörvergnügen. Unter den Orchestermitgliedern sind auch ein paar Neuzugänge mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln. Vorne, etwa in der Mitte der Bühne, sitzt Delphine Henriet, die Violoncello und Querflöte spielt und die Patrick Siben als „die neue Frau an meiner Seite“ vorstellt. Sie wurde 1987 in Lyon geboren, hat unter anderem an der Musikhochschule Stuttgart studiert und ist nun Lehrerin an der Stuttgarter Musikschule. Neue und langjährige Musiker kreieren den speziellen Saloniker-Sound mit enormem Schwung, harmonisch-rhythmischer Präzision, solistischer Nuanciertheit und orchestraler Klangfülle. Zudem wechseln sie mühelos die Stil- und Klangfarben. Idyllisch heiter mit grandios ausgestalteter Titelmelodie kommt die Ouvertüre zur Operette „Berliner Luft“ von Paul Lincke daher. Die faszinierende Fantasie zur Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauß Sohn umfasst eine solche Fülle an bekannten Melodien, dass so mancher Zuhörer erstaunt auch Klänge aus Werken anderer Komponisten darin zu erkennen glaubt.

Wunderschön bringt das Orchester den sinfonischen, an unterschiedlichen Stimmungen reichen Blumenwalzer aus dem Ballett „Der Nussknacker“ von Peter Iljitsch Tschaikowski zur Entfaltung. Wie üblich gibt es auch kleine Gags zum Schmunzeln: Bevor die Saloniker den „Champagner-Galopp“ von Hans Christian Lumbye darbieten, holt Kapellmeister Siben eine Sektflasche und Gläser. So können die Orchestermitglieder gleich anstoßen und überzeugend klangvoll „Zum Wohle“ nach der Melodie des Jägerchors aus der Oper „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber singen. Zudem stellt Siben ein verspielt-drolliges Katzenpärchen als neue Mitbewohner der Villa Franck vor, die künftig als Konzertkatzen vor allem die Kinderkonzerte mit kleinen Kunststückchen bereichern sollen.

Ein Ohrenschmeichlerist auch der „King Porter Stomp“

Im zweiten Teil des Neujahrskonzerts kommen Fans des Early Jazz voll auf ihre Kosten. Ganz unmilitärisch fröhlich und beschwingt präsentiert das Orchester die „heimliche amerikanische Nationalhymne“, John Philip Sousas „The Stars and Stripes Forever“. Dieser bei uns als „Unter dem Sternenbanner“ bekannten Melodie stellen die Saloniker die „heimliche Nationalhymne der Konföderierten Südstaaten“ im amerikanischen Bürgerkrieg 1861 bis 1865 gegenüber: Den Originalsong „Dixie’s Land“ von Daniel Decatur Emmet. Diese klangschöne, eingängige Melodie begleitet eine überaus reizvolle, afroamerikanisch beeinflusste Rhythmik. Zudem gibt es einen „Cakewalk“ von 1898 zu hören, dessen Melodie frohe Sonntagslaune, Lebensfreude und auch ein bisschen Liebesromantik zum Ausdruck bringt. Ein Cakewalk, auf Deutsch „Kuchenspaziergang“, sei ein Familiesonntagnachmittagsspaziergang der schwarzen Sklaven gewesen, denen die Baumwollfarmbesitzer für die beste Parodie ihres „Gutsherrn“ einen Kuchen stifteten, erklärt Patrick Siben.

Scott Joplin, der als farbiger Junge Klavierunterricht bei einem weißen Lehrer hatte und dabei auch Werke von Johann Sebastian Bach üben musste, ist laut Siben die Fusion zweier ganz unterschiedlicher Kulturen gelungen. Joplin verjazzte Bach’sche Melodik und Harmonik mit afroamerikanischen Rhythmen und kreierte so den Ragtime. Der bekannteste und wohl schönste ist „The Entertainer“, von den Salonikern harmonisch und rhythmisch vollendet dargeboten. Ein Ohrenschmeichler ist auch der „King Porter Stomp“, den Jelly Roll Morton 1924 komponierte. Dieser behauptete, er habe den Jazz erfunden, und als er das Blues-Schema satthatte, kreierte er ein neues Harmonieschema, und der „King Porter Stomp“ wurde später zum Standard-Titel der großen Swing-Big-Bands.

Nicht fehlen darf George Gershwin, Sohn russisch-jüdischer Flüchtlinge, der als Stummfilmkinopianist begann, zu einem der größten Jazzkomponisten avancierte und den sinfonischen Jazz entwickelte. Mit „Fascinating Rhythm“ bescheren die Saloniker dem Publikum einen wunderbar swingenden Ohrenschmaus der Extraklasse, der nur aus Viertel- und Achtelnoten besteht. Zum Finale kehren die Musiker wieder zurück nach Europa und zur „leichten Klassik“ mit dem „Schlittschuhläufer-Walzer“, einem von über 60 Walzern des Elsässers Emil Waldteufel. Mit tosendem Applaus und „Bravo“-Rufen danken die begeisterten Zuhörer in Murrhardt den Musikern für das charmante Konzerterlebnis.

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Erstellt:
10. Januar 2022, 06:00 Uhr

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