Cannstatter Kurve

Veränderungen sind sicht- und hörbar – das steckt dahinter

Die Cannstatter Kurve in der Stuttgarter MHP-Arena ist in Veränderung begriffen. Dabei läuft nicht alles rund. Das sind die Hintergründe der jüngsten Entwicklungen.

Die Cannstatter Kurve in ihrer ganzen Pracht. An ihrem unteren Ende sind im Zaunfahnenbereich diverse Veränderungen feststellbar.

© IMAGO/Maximilian Koch

Die Cannstatter Kurve in ihrer ganzen Pracht. An ihrem unteren Ende sind im Zaunfahnenbereich diverse Veränderungen feststellbar.

Von Philipp Maisel

Die Cannstatter Kurve ist weit über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus bekannt. Als Stimmungsbereich des Stuttgarter Stadions. Als Heimat der treuesten Anhänger des VfB Stuttgart. Als äußerst divers aufgebauter Schmelztiegel verschiedenster Arten von Fans – die sogenannte organisierte Szene mit den dominierenden großen Ultra-Gruppen, Allesfahrer, Kutten, alteingesessene Dauerkartler – alle haben ihre Heimat in der Cannstatter Kurve, die seit dem Umbau 2011 eigentlich keine mehr ist.

Ein solcher Ort ist vieles zugleich. Zuallerst Herz des Stadions. Der Ort, an dem die Stimmung entsteht, der berühmte „Roar“ aufkommt, die Emotionen hochkochen – all das, was an guten Tagen eine Mannschaft tragen, ja sogar zum Sieg führen kann. Ein solcher Ort ist aber auch permanenter Veränderung ausgesetzt. Das gehört in einem solch heterogenen Gebilde einfach dazu. Zumal nach einer Sommerpause solche Veränderungen auch optisch sichtbar werden. Da muss man sich nur einmal die Zaunfahnen anschauen.

Bei den bisherigen Heimspielen des VfB Stuttgart in der noch jungen Saison konnte man diesbezüglich schon feststellen, dass eine Zaunfahne plötzlich viel mehr Raum einnimmt: Die der Ultra-Gruppierung Schwabensturm 02 ist nun ungefähr doppelt so groß wie noch in der Vorsaison. Was zum einen Veränderungen in der Gruppe selbst nahelegt – so hat S02 nach Informationen unserer Redaktion schon seit einiger Zeit enormen Zulauf, dadurch mehr Mitglieder, die dementsprechend mehr Raum benötigen, um mit ihren Mitstreitern zusammenstehen zu können.

Zum anderen bringt eine solche Vergrößerung Veränderung für andere Anhänger oder ganze Gruppen mit sich. Diejenigen, die bisher in dem nun von S02 belegten Block 33B recht nah an der Torauslinie standen, mussten weichen. Dazu gehören nicht nur unorganisierte Personen, sondern auch die Hooligans Stuttgart, die mitsamt Zaunfahne weiter nach rechts im Unterrang der Cannstatter Kurve gezogen sind, in den Block 33A. Dafür wiederum mussten andere Zaunfahnen auch weichen, etwa die der Yard Bwoys oder von DKS Gundelsheim, die gleich in einen komplett gegenüberliegenden Kurvenbereich gewechselt sind, wo viele ihrer Mitglieder sowieso schon ihre Dauerkartenplätze hatten.

Damit das so vonstattengehen kann, sind viele Gespräche vonnöten. Im Fanausschuss, zwischen den Gruppen selbst, zwischen allen Beteiligten inklusive der Fanbeauftragten. Und auch der Club selbst ist zum Teil involviert, schließlich müssen im Bedarfsfall Dauerkarten umgeschrieben oder gleich gänzlich neu ausgestellt werden.

Gänzlich reibungslos laufen solche Prozesse aber auch nicht ab. So wurden sicherlich nicht alle unorganisierten Anhänger aus 33B vorab gefragt, sondern schlussendlich durch das Territorialverhalten der Ultras vor vollendete Tatsachen gestellt. Allerdings – und das gehört zur Wahrheit auch dazu – sind diese Kurvenbereiche großzügig genug, dass jeder sein Plätzchen darin finden dürfte, zumindest wenn nicht wie bei Champions-League-Partien vorgeschrieben komplett aufgestuhlt ist.

Der Motor der Kurve - stottert er?

Dass die Stuttgarter Ultras so massiert gemeinsam im Hintertorbereich der Cannstatter Kurve stehen wollen, hat eine maßgebliche Komponente: die Stimmung. Beziehungsweise die Entstehung dieser. Die ist nämlich längst nicht mehr so gut, wie sie einmal war – oder wie sie sein könnte. Zumindest wenn es nach Meinung der Ultras geht, die sich als Motor der Kurve verstehen. So lässt sich unter anderem das „Cannstatter Blättle“ interpretieren, das zum Heimspiel gegen Köln vielfach ausgegeben wurde. Man wolle sich mit einem „knappen, aber deutlichen Text an alle VfBler wenden, die einen der heißbegehrten Plätze in der Cannstatter Kurve innehaben“ und insbesondere all jene adressieren, die „in den äußeren Stehplätzen, auf den Sitzbereichen im Unterrang und im Oberrang beheimatet sind. Seid euch mit Betreten der Cannstatter Kurve bewusst, dass nicht nur die zentralen Stehplatzbereiche für die Stimmung verantwortlich sind.“

An verschiedenen Stellen habe man „betont, dass wir für ein bebendes Neckarstadion die Energie der gesamten Cannstatter Kurve“ brauche, um die besonderen, ohrenbetäubenden Momente zu erzeugen“, die den Unterschied ausmachen können. Ein klares und unmissverständliches Statement der Anhänger, das aber wohl nicht bei jedem Kurvengänger auf offene Ohren stoßen wird. So gab es unter anderem in den sozialen Netzwerken nach den Spielen gegen Köln und Stavanger Stimmen zu lesen, die sich darüber beschwerten, was sich die Ultras da herausnehmen würden.

Zumal diese beim Spiel gegen Köln einen Flyer verteilt hatten, der gewisse Verhaltensmuster einforderte und als mehr als nur eine Empfehlung verstanden werden durfte. Wie es in der Thematik weitergehen wird, werden die nächsten Heimauftritte zeigen – die allerdings vorerst rar gesät sind. Der Kracher gegen den BVB ist das letzte Heimspiel bis Ende Oktober, wenn Atlético Madrid zu Gast sein wird. Dazwischen liegen eine lange Länderspielpause und der Auswärts-Dreierpack in Paderborn, Bratislava und Hamburg. Es scheint also vorerst noch jede Menge Arbeit vor den Fans zu liegen – ganz ähnlich wie bei der Mannschaft. Denn nicht nur in der Kurve, auch auf dem Platz läuft noch längst nicht alles rund.

Der Flyer der organisierten Fans vor dem Spiel gegen Köln

© IMAGO/Sportfoto Rudel/CannstatterKurve/Montage StZN

Der Flyer der organisierten Fans vor dem Spiel gegen Köln

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Erstellt:
17. September 2026, 06:18 Uhr

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