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Vom Tatendrang in den Krisenmodus

Das Interview: Für Bürgermeister Mößner hieß es, in der Pandemie hart umzusteuern. Aber er kann 2020 auch Positives abgewinnen. Er war vom Digitalisierungsschub beeindruckt und sieht die Chance, dass die Erfahrungen des Coronajahrs auch erden können.

Bürgermeister Armin Mößner in seinem Amtszimmer im Rathaus mit Blick auf den Marktplatz. Dieses Jahr war er sehr viel weniger „unter Leuten“. Dies ist auch eines der Dinge, die er sich mit Blick aufs kommende Jahr wünscht – sich wieder ohne Sorgen begegnen zu können. Foto: J. Fiedler

© Joerg Fiedler

Bürgermeister Armin Mößner in seinem Amtszimmer im Rathaus mit Blick auf den Marktplatz. Dieses Jahr war er sehr viel weniger „unter Leuten“. Dies ist auch eines der Dinge, die er sich mit Blick aufs kommende Jahr wünscht – sich wieder ohne Sorgen begegnen zu können. Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

Was war im Jahr, das von der Pandemie geprägt war, das Erlebnis für Sie, das Sie am meisten belastet hat?

Am meisten belastet hat mich, dass das Jahr 2020 mit einer Menge an Projekten und Vorhaben unter Volldampf mehr als ausgebremst wurde. Wir sind mit einem erfolgreichen CMT-Auftritt und dem erfolgreichen Landesnarrentreffen frohen Mutes ins neue Jahr gestartet. Oder denken Sie an den Start des Quartiersprojekts 2020. Im März standen wir dann mitten in der Vorbereitung eines Gemeinderatsklausurwochenendes. Und dann ereilte uns die Coronapandemie mit den ersten Beschränkungen. Die Klausur musste dann abgesagt und im Herbst anders organisiert werden, wie vieles Weitere auch in diesem Jahr. Quasi von jetzt auf nachher hieß es dann, umzuschalten in den Krisenmodus. Es galt zunächst, alles herunterzufahren. Ein großes Maß an Zeit war neben dem normalen Geschäft erforderlich für die Umsetzung der Coronaverordnungen mit der anfangs vorherrschenden Informationsflut und Regelungen von allen Seiten. Später mit den ersten Lockerungen erreichten uns als Ortspolizeibehörde die Hygienekonzepte, die es zu prüfen galt, um wieder langsam hochzufahren. Eine solche Situation lässt sich nicht einstudieren. Es hilft lediglich, die Dinge besonnen anzugehen, die notwendig sind. Ich denke, dass wir es mit der Verwaltung in Sachen Corona in Murrhardt rückblickend bisher ganz gut hinbekommen haben. Leider muss man auf der Zielgeraden des Jahres feststellen, dass einiges von dem, was wir uns vorgenommen haben, schlichtweg auch liegen bleiben musste. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und es heißt ja nun: Neues Jahr, neues Glück.

Was war das Überraschendste im Sinne eines positiven Erlebnisses?

Überraschend war für mich, wie selbstverständlich auf einmal digitale Formate zum Einsatz kamen. In der Verwaltung waren zum Beispiel Videokonferenzen et cetera vor dem ersten Lockdown kaum existent. Es hat mich positiv überrascht, wie dies alles sehr schnell ins Laufen kam und funktionierte. Gefreut hat mich, dass ich im Laufe des Jahres zum Vorsitzenden der CDU-Kreistagsfraktion gewählt und erster Stellvertreter des Landrats im Vorsitz des Kreistags wurde.

Wie viel Angst haben Sie vor einer Spaltung auch der Bürgerschaft in Murrhardt durch Corona und die mit der Pandemie verbundenen Einschränkungen?

Ich habe davor keine Angst. Die Murrhardter, Fornsbacher, Kirchenkirnberger und die Bürgerinnen und Bürger in unseren Teilorten sind zum weit überwiegenden Teil Menschen mit Vernunft und Verantwortung für sich und ihre Mitmenschen. Jeder weiß um die Lage und der weit überwiegende Teil wird seiner Verantwortung für das Ganze gerecht. Gemeinsam stehen wir diese für uns alle besondere Zeit vollends durch! Gleichwohl gilt es für die Abwägung auch kritische Stimmen anzuhören.

Es besteht die Sorge, dass viele Innenstadthändler, Gastronomen und kleinere Dienstleistungsbetriebe aufgeben müssen. Befürchten Sie einen Insolvenztsunami, wie es Folkart Schweizer formuliert hat, auch in Murrhardt? Es besteht ja schon jetzt ein gewisser Leerstand in der Altstadt.

Die Gefahr lässt sich nicht leugnen. Aber ganz so düster sehen würde ich es nicht. Wenn ich eines in meinem jungen Leben bisher gelernt habe, dann ist es die alte Weisheit: „Es kommt selten so schlimm wie befürchtet und selten so gut wie erhofft.“ Ich hoffe, dass die staatlichen Hilfen im Großen und Ganzen durch die düstere Zeit tragen und die Kunden auch verstärkt lokal oder über den Online-Marktplatz in-murrhardt.de kaufen, um den örtlichen Handel zu stützen, oder auch Essen abholen. Auch Murrtaler eignen sich zum Kauf und zum Verschenken. Zu Beginn des Jahres hatten wir uns auch Fortschritte beim Leerstandsmanagement in der Innenstadt erhofft, was durch Corona auch deutlich erschwert war. Insgesamt müssen wir uns mit der Zukunft der Innenstadt noch stärker beschäftigen und engagieren, verbunden mit der Frage, wie wir Besuchsgründe schaffen und welche Nutzungen in welchen Lagen künftig welche Perspektiven haben.

Rund um das Gasthaus Hirsch, das zu Wohnungen umgebaut werden sollte, ist es nicht nur ruhig geworden, man hat auch den Eindruck, das Haus verfällt jetzt allmählich. Könnte es sein, dass der Zeitpunkt bald überschritten ist, an dem noch eine Instandsetzung möglich ist?

Um das Gasthaus Hirsch ist es kurzzeitig ruhig geworden. Jüngst konnte das Baurechtsamt dem Eigentümer aber eine Bauteilfreigabe erteilen. Das Gebäude ist ja eingetragenes Kulturdenkmal, also mit höchsten denkmalpflegerischen Weihen versehen. Als solches will es behandelt sein. Ich gehe davon aus, dass wir mit den denkmalpflegerischen Punkten vollends klarkommen und es weitergehen kann. Für das Gebäude und die Innenstadt wäre das wichtig.

Wo liegen für Sie die Chancen der Erfahrungen, die wir jetzt in der Pandemie machen?

Ich sehe Chancen, dass die Pandemie der Digitalisierung einen richtigen Schub in Deutschland gibt. Wir sind anderen Ländern hinterher. Vielleicht führt die Pandemie auch dazu, dass wir wieder bescheidener werden und mit weniger zufrieden sind. Das hält uns dann auch auf dem Boden.

Welches Projekt in Murrhardt war für Sie das wichtigste, das dieses Jahr umgesetzt wurde, und warum?

Es war wichtig, die entsprechenden Fördermittel für den Neubau der Turnhalle bei der Walterichschule und der Herzog-Christoph-Schule zu bekommen, um das Vorhaben weiterzubringen. Das Bohren dicker Zuschussbretter war aber letztlich erfolgreich. Wir haben 1,35 Millionen Euro aus der Sportstättenbauförderung und dem Ausgleichstock erhalten. Das hat uns gefreut. Mit Freude verfolge ich aktuell auch die letzten Baufortschritte am neu gebauten Kindergarten Klosterhof und freue mich, wenn dort im neuen Jahr Leben einzieht.

Über welches gescheiterte Vorhaben waren Sie am meisten frustriert?

Für gescheitert würde ich nichts halten. Bei manchem würde man sich aber mehr Tempo erhoffen. Beim Baugebiet Siegelsberg-Ost mussten wir in Abstimmung mit dem Landratsamt die Planung der Ver- und Entsorgung des Gebiets modifizieren, beim Schattenkeller-Areal kam zuletzt ein weiterer Projektpartner ins Spiel, beim Kreisbauvorhaben wird von der Kreisbau umgeplant und beim Hochwasserrückhaltebecken konnten wir endlich die Artenschutzaspekte erfüllen und ins Planfeststellungsverfahren gehen.

Es gab in der Vergangenheit auch zwei zentrale Kritikpunkte aus den Reihen des Gemeinderats. Zum einen, dass Sie den Amtsleitern zu wenig Spielraum für eigene Schwerpunkte und Entscheidungen lassen würden, zum anderen, dass die Beratungen zum Haushalt aus Zeitknappheit praktisch nicht mehr möglich waren. Was sagen Sie dazu?

Ich glaube schon, dass ich Spielraum lasse. Aber als Bürgermeister trägt man die Gesamtverantwortung und muss vor allem auch die Bürgerinnen und Bürger im Blick haben. Und nicht selten gilt es, in Murrhardt auch das Wünschenswerte vom Leistbaren zu trennen. Die Kritik bezog sich auch mehr auf Anfragen und Sachvorträge im Gemeinderat, um diese auch zu meiner Entlastung den Amtsleitern zu überlassen. Den Haushalt haben wir heuer mit dem gleichen Ritual wie in den Vorjahre zum Beschluss gebracht: Beratung und Feststellung des Investitionsprogramms, also den Finanzhaushalt, im Oktober, Beratung der Eckpunkte des Ergebnishaushalts im November, Einbringung des Haushalts Anfang Dezember und Beschluss in der letzten Sitzung des Jahres. Dazwischengeschaltet war noch eine abendliche Haushaltsrunde. Nachdem nun mehr Zeit zur Beratung erforderlich sein soll, was in Zeiten enger werdender Spielräume auch sinnvoll ist, werden wir für das Prozedere zur Haushaltsaufstellung einen Vorschlag einbringen.

Was war Ihr ganz persönlicher Höhepunkt in diesem Jahr – jenseits des Berufs?

Das war ein coronagerechter, bescheidener Wanderurlaub mit der Familie in Garmisch-Partenkirchen. Es war schön, einige Tage nach der ersten Coronawelle in den Bergen des Werdenfelser Landes durchzuschnaufen. Und ich habe mir in guter familiärer Tradition einen kleinen Gemüsegarten angelegt – nicht ohne Erfolg.

Sie haben jetzt über zehn Jahre Erfahrung als Bürgermeister in Murrhardt gesammelt. Werden Sie in Backnang für die Stelle des Oberbürgermeisters kandidieren?

Nein, wenngleich zehn Jahre Erfahrung als „Stadtschultheiß“ sicher eine gute Voraussetzung wären.

Haben Sie darüber nachgedacht?

Nachdem mich am Morgen nach der OB-Wahl in Stuttgart in einem Anruf die Backnanger Kreiszeitung für Backnang als Kandidat gehandelt hat, vielleicht kurz. Ich fühlte mich geehrt, erwähnte aber, dass ich von vermuteten Plänen nichts weiß. Aktiv weitergedacht habe ich es nicht. Das Herz hängt an Murrhardt, wir fühlen uns hier wohl und es sind zu viele Dinge am Laufen, die mir wichtig sind.

Was haben Sie sich für 2021 vorgenommen?

Die Turnhalle bei der Walterichschule und Herzog-Christoph-Schule soll in den Bau gehen. Das Baugebiet Siegelsberg-Ost wollen wir ins Ziel bekommen, und vor allem der wichtige Breitbandausbau in die ländlichen Teilräume unserer Gemarkung soll nach dem Vertragsabschluss mit der Telekom starten. Und wir wollen beim Klimaschutz Fortschritte erzielen. Es gibt vieles zu tun. Gleichzeitig gilt es, gut durch die Coronakrise zu kommen und auf Sicht zu fahren.

Was wünschen Sie sich für 2021 am allermeisten?

Dass wir das lieb gewonnene öffentliche Leben und die Vereinsaktivitäten, sobald es die Lage mit dem Stand der Impfungen erlaubt, wieder wie gewohnt hochfahren können mit all den schönen Veranstaltungen, Festen, Begegnungen und Ereignissen eines Jahres. Auch wünsche ich mir, dass man sich dann wieder ohne Sorgen begegnen kann. Aber vor allem wünsche ich uns allen Gesundheit. Auf gut Schwäbisch sagt man „Bleibet xond“. Das ist in diesen Tagen das Wichtigste.

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Erstellt:
31. Dezember 2020, 06:00 Uhr

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