Fakten zum CDU-Vorschlag

Wählt jeder Fünfte im Land „Lifestyle-Teilzeit“?

Wen würden Einschränkungen beim Teilzeitanspruch treffen? Die Fakten zur Debatte um den CDU-Vorschlag.

Teilzeit mit Kind – das ist aus Sicht des CDU-Wirtschaftsflügels noch okay.

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Teilzeit mit Kind – das ist aus Sicht des CDU-Wirtschaftsflügels noch okay.

Von Jan Georg Plavec

Der Vorschlag des CDU-Wirtschaftsflügels, das Recht auf Teilzeit einzuschränken, löst heftige Debatten aus – weil so viele Menschen betroffen wären.

Der Faktencheck zeigt, dass eine Änderung die Arbeitnehmer und Branchen in Baden-Württemberg sehr unterschiedlich träfe – und wie viele Arbeitnehmer in Baden-Württemberg überhaupt unter die Kategorie „Lifestyle-Teilzeit“ fallen könnten.

Wählt jeder Fünfte „Lifestyle-Teilzeit“?

Der CDU-Vorschlag zielt vor allem auf Arbeitnehmer, die weder Kinder noch Angehörige zu betreuen haben – also in weiten Teilen auf jene acht Prozent der Männer und 18 Prozent der Frauen, die kinderlos in Teilzeit arbeiten und unter 50 Jahre alt sind, damit also vielfach keine älteren Angehörigen zu betreuen haben. In dieser Altersgruppe wählt gut jeder Fünfte in Baden-Württemberg einer Auswertung des Statistischen Landesamts zufolge jene „Lifestyle-Teilzeit“, auf die der CDU-Wirtschaftsflügel zielt – im Schaubild ist das die Säule ganz links.

Bundesweit arbeiten laut Statistischem Bundesamt 39 Prozent aller kinderlosen Frauen in Teilzeit, bei Männern sind es 16 Prozent. Außerdem sinkt laut Berechnungen der Hans-Böckler-Stiftung der Teilzeitanteil bei Frauen mit steigendem Altern bundesweit kaum mehr ab. In Baden-Württemberg steigt er sogar weiter an, auf bis zu sechzig Prozent Teilzeitquote bei den Frauen zwischen 55 und 65 Jahren (Männer: zehn Prozent). „Dieses Muster findet sich bei Deutschen und Ausländerinnen gleichermaßen, ebenso bei verschiedenen Qualifikationsgruppen“, schreibt die Arbeitsagentur Baden-Württemberg auf Anfrage.

Entsprechend wären auch viele ältere Frauen von dem CDU-Vorschlag betroffen, sofern sie keine Angehörigen pflegen müssen.

Ist Teilzeit heute Zeitgeist?

Die Teilzeitquote steigt seit vielen Jahren, nicht nur in Baden-Württemberg. Vier von fünf Teilzeitstellen im Land sind von Frauen besetzt. 2025 arbeitete jede zweite berufstätige Frau in Teilzeit, bei Arbeitnehmern sind es elf Prozent. Vor 25 Jahren lagen die Werte noch bei dreißig beziehungsweise vier Prozent. Die Werte sind bei Frauen mit Kindern ähnlich stark angestiegen wie bei Frauen ohne Kinder.

Interessant sind auch die absoluten Zahlen. So arbeiten heute 600.000 Frauen mehr als im Jahr 2000. Dieses Stellen-Plus geht aber fast ausschließlich auf Teilzeitmodelle zurück, die Zahl der mit Frauen besetzten Vollzeitstellen stieg nur um knapp 13.000 an (Männer: plus 325.000).

„Die Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit beruht vor allem auf der starken Zunahme der Teilzeitbeschäftigung“, heißt es in einer Auswertung des Statistischen Landesamts. Die Gründe dafür: „Das Ausbildungsniveau von Frauen ist gestiegen, die gute wirtschaftliche Situation in Baden-Württemberg bietet zahlreiche Beschäftigungsmöglichkeiten und die Voraussetzungen für eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf wurden verbessert.“

Teilzeitstellen bringen also vor allem Frauen in Lohn und Brot. Gleichzeitig ist die durchschnittliche Wochenarbeitszeit für Frauen seit 2008 leicht gestiegen (von 30,3 auf 30,9) und bei Männern leicht gesunken (von 40 auf 38,3). Das hat unter anderem mit höheren Stundenzahlen bei Teilzeitbeschäftigung zu tun: Der Anteil der Frauen mit weniger als 20 Arbeitsstunden pro Woche sinkt seit Jahren kontinuierlich.

Warum Menschen in Teilzeit arbeiten

Frauen und Männer geben unterschiedliche Begründungen für Teilzeitarbeit: Frauen führen deutlich häufiger die Betreuung von Kindern oder Erwachsenen an als Männer. Umgekehrt ist es bei Aus- und Weiterbildung.

Die sogenannte Arbeitskräfteerhebung zeigt, dass mehr als jeder zweite in Teilzeit Arbeitende von dem CDU-Vorschlag betroffen wäre: Nur gut jeder oder jede Vierte begründete die Teilzeitbeschäftigung mit Betreuungsnotwendigkeiten oder sonstigen familiären Gründen. Vor allem auf jene starke Hälfte der Beschäftigten, die lieber nicht in Vollzeit arbeiten möchte oder „sonstige persönliche Gründe“ angegeben hat, will der CDU-Wirtschaftsflügel keine Rücksicht mehr nehmen. Auch von den fünf Prozent der Teilzeitbeschäftigten infolge von Behinderung oder Krankheit ist in dem Antrag nicht die Rede beziehungsweise dies müsste mit dem Arbeitgeber ausgehandelt werden.

Eine Umfrage im Auftrag des Bundesfamilienministeriums ergabt Mitte Januar, dass 45 Prozent aller Mütter gerne mehr arbeiten würden. Dazu muss allerdings auch der Arbeitgeber bereit sein oder entsprechende Stellen schaffen. Ein Teil der Befragten machte Mehrarbeit aber auch von Bedingungen wie flexiblen Arbeitszeitmodellen abhängig.

In diesen Branchen ist Teilzeit Standard

Zwischen den einzelnen Wirtschaftsbereichen ist Teilzeit sehr ungleich verteilt. Im Baugewerbe ist Teilzeitarbeit besonders selten, im Gesundheits- und Sozialwesen (also etwa unter Pflegepersonal) sowie Erziehung und Unterricht (Lehrkräfte, Erzieher) ist die Quote sehr hoch – unter Frauen wie Männern, wobei in diesen Branchen nur bei Frauen der Teilzeitanteil überwiegt.

An staatlichen Schulen – auf die der Vorschlag des CDU-Wirtschaftsflügels jedenfalls nicht unmittelbar abzielt – steigt die Teilzeitquote ebenfalls seit Jahren. Hier haben nur noch etwa vier von zehn Lehrkräften einen vollen Lehrauftrag. Der Frauenanteil beträgt hier 75 Prozent, an Grund- und Werkrealschulen liegt er sogar bei 87 Prozent.

Das Schaubild zeigt die Zahlen für alle Branchen:

Der CDU-Vorschlag träfe also manche Branchen stärker als andere. Beispielsweise im Gesundheitswesen wird Teilzeitarbeit vielfach infolge einer hohen Belastung gewählt. Darauf geht der CDU-Wirtschaftsflügel in seinem Vorschlag allerdings nicht ein.

Vergleichsweise viel Teilzeit in Deutschland

In Deutschland ist die Teilzeitquote höher als in vielen anderen europäischen Ländern. Nur Österreich, die Schweiz und die Niederlande melden höhere Werte. In Bulgarien arbeiten 98 Prozent der männlichen und weiblichen Beschäftigten in Vollzeit.

Der Vergleich mit den deutschsprachigen Ländern Österreich und Schweiz zeigt, dass Frauen dort eine deutlich durchschnittliche Wochenarbeitszeit haben als hierzulande. Frauen arbeiten in Österreich im Schnitt knapp 27 Stunden, in der Schweiz 26 (Deutschland: 31). Auch bei Männern beträgt der Abstand zu Deutschland gut drei Stunden pro Woche.

Deutsche Beschäftigte arbeiten pro Woche weniger als der EU-Schnitt. Hierzulande liegt die mittlere Wochenarbeitszeit bei 34,8 Stunden, in der EU bei 37,1 Stunden. „Dies ist vor allem auf die hohe Teilzeitquote in Deutschland zurückzuführen“, schreibt das Statistische Bundesamt. Im Gegenzug ist die Beschäftigungsquote in Deutschland sehr hoch. 77 Prozent aller 15- bis 64-Jährigen arbeiten hierzulande – EU-weit sind es „nur“ 71 Prozent.

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Erstellt:
26. Januar 2026, 16:28 Uhr
Aktualisiert:
26. Januar 2026, 18:05 Uhr

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