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Warum Europa so wichtig ist

Bürgermeister Armin Mößner blickt am Tag der Heimat auf die deutsche Geschichte und Positionen des Bunds der Vertriebenen

Auf dem Gedenkstein nahe am Feuersee sind diejenigen Regionen verzeichnet, aus denen zum Ende des Zweiten Weltkriegs Menschen nach Flucht und Vertreibung in die Walterichstadt kamen. Am Denkmal versammelten sich Gäste sowie Vertreter der Stadt und der Landsmannschaft Schlesien, Ortsverband Murrhardt-Gaildorf, um am Tag der Heimat der Geschichte und der mit ihr verbundenen Schicksale zu gedenken.

Bürgermeister Armin Mößner (rechts) geht in seiner Rede beim Ehrenmal am Feuersee auf die Geschichte und Hintergründe zum Gedenktag ein. Auf dem Gedenkstein sind die Regionen verzeichnet, aus der Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg nach Murrhardt kamen – Pommern, Danzig, Ost- und Westpreußen, Sudetenland, Schlesien und Oberschlesien, Donauschwaben, Siebenbürgen sowie Bessarabien. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Bürgermeister Armin Mößner (rechts) geht in seiner Rede beim Ehrenmal am Feuersee auf die Geschichte und Hintergründe zum Gedenktag ein. Auf dem Gedenkstein sind die Regionen verzeichnet, aus der Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg nach Murrhardt kamen – Pommern, Danzig, Ost- und Westpreußen, Sudetenland, Schlesien und Oberschlesien, Donauschwaben, Siebenbürgen sowie Bessarabien. Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. Die Zahl der Besucher war überschaubar. Mitglieder der Landsmannschaft Schlesien, unter ihnen Vorsitzender Helmut Klink, Bürgermeister Armin Mößner, Stadträte sowie Gäste waren gekommen, um bei der Gedenkfeier am Murrhardter Feuersee dabei zu sein. Kernstück war die Ansprache Mößners. Er umriss die historische Lage. „Es ist nun ein Dreivierteljahrhundert her, dass rund 14 Millionen Deutsche als Folge des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat vertrieben wurden oder fliehen mussten, um das eigene Leben zu bewahren“, sagte er. „Sie kamen in fremde Gegenden, unter Menschen, die selbst zu kämpfen hatten und einen völlig anderen Dialekt sprachen – das Ganze in einem Land, das nach einem verlorenen Krieg zerstört war und keine große Zukunft zu haben schien.“

Von seinen Besuchen verschiedener Jubilare wisse er um die schönen und die schweren Erinnerung der Betroffenen – unbeschwerte Kindheit, leiderfüllter Heimatverlust. Neben der Würdigung dieser ganz persönlichen Schicksale hielt es Mößner auch für wichtig, den Blick auf die Historie zu lenken. „Die Geschichte der Heimatvertriebenen zu verstehen, bedeutet, unsere deutsche Geschichte insgesamt zu verstehen. Die Auseinandersetzung damit ist zentral.“ In seinem Abriss dazu begann er beim Ende des Ersten Weltkriegs, der 17 Millionen Kriegstote, zahlreiche Verwundete, Versehrte und fürs Leben Gezeichnete mit sich brachte, genauso wie Flucht und Vertreibung. „Die politischen Veränderungen durch den Versailler Vertrag und ähnliche Verträge und Vereinbarungen ließen in Europa etwa zehn Millionen Menschen unfreiwillig die Grenzen überschreiten.“ Bis Mitte 1925 zählte das damalige Statistische Reichsamt 850000 deutsche sogenannte Grenzlandvertriebene.

„Und mit dem Versailler Vertrag und seinen Erschwernissen wurde den Nationalsozialisten Nährboden gegeben, der letztlich in der völligen Katastrophe, vor allem menschlichen Katastrophe, endete.“ In den letzten Kriegsmonaten setzte der sogenannte Bevölkerungstransfer von Millionen Deutschen aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien, aus dem Sudetenland, Böhmen, Mähren und vielen anderen Regionen aus Angst vor Repression ein, so Mößner. „Den alliierten Regierungschefs erschien dies als konsequente Antwort auf den Tod und Terror, der unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft über Europa kam.“ Mit den Potsdamer Beschlüssen sollte in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen, was „für die Allermeisten zu einem real erlebten Albtraum wurde, der der Seele eine tief Wunde zufügte“.

Der Bürgermeister zitierte aus der Charta der Heimatvertriebenen von 1950 unter anderem Aspekte wie den Verzicht auf Rache und Vergeltung sowie den Willen, sich auf die Schaffung eines geeinigten Europas zu konzentrieren.

Auch wenn wir Deutschen uns mit dem Begriff Heimat schwertäten, so habe er für die Zeitzeugen besagte besondere Bedeutung – mit den sehr konkreten persönlichen Erinnerungen an die verlorene Heimat genauso wie durch das persönliche Schicksal, das von Flucht und Vertreibung geprägt ist. Heimat habe in Baden-Württemberg seit Jahrzehnten Verfassungsrang, ist dort als Menschenrecht festgeschrieben, so der Bürgermeister.

Mößner ließ zudem Bernd Fabritius, Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV), zu Wort kommen, aus dessen Rede Ende August er einige Abschnitte zitierte. Den Tag der Heimat stellt der BdV dieses Jahr unter das Leitwort „Menschenrechte und Verständigung – Für Frieden in Europa“. In diesem Sinn sieht der Präsident auch eine zentrale Aufgabe: „Daher leisten wir mit unserem Engagement für die Einhaltung der Menschenrechte und für die Verständigung zwischen den Staaten einen wichtigen Beitrag für Frieden in Europa. Die damit verbundene Vorbildfunktion wird in Zeiten spaltender nationalistischer Tendenzen überall auf der Welt – aber auch bei uns in Europa, bei uns in Deutschland – wichtiger.“ Fabritius schlägt den Bogen auch in die Zukunft: „Es tut uns im Herzen weh, zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit gewisse Kreise – in Europa und in Deutschland – gegen unser Europa vorgehen. Ich wünschte mir, meine Damen und Herren, an so manchen Feiertagen einen Friday for Europe. (...) Wer nicht verstanden hat, warum gerade die Heimatvertriebenen, die Aussiedler und Spätaussiedler so sehr für Europa als übergeordnetes Friedensprojekt stehen und zu den überzeugtesten Europäern gehören, der hat die Geschichte nicht verstanden, der hat uns im BdV nicht verstanden“, zitierte Mößner.

Auch mit Blick in die Welt ist das Thema Flucht und Vertreibung nach wie vor mehr als präsent. Nach Zahlen der UNO-Flüchtlingshilfe waren Ende 2018 weltweit 70,8 Millionen Menschen auf der Flucht, so der Bürgermeister, was etwa der Einwohnerzahl ganz Frankreichs entspreche. „Vertreibung, Flucht und heimatlos sein, das erleiden nach wie vor Millionen Menschen. Das kann niemanden, auch uns heute bei unserem Gedenken hier in Murrhardt nicht gleichgültig lassen.“ Insofern sei es Aufgabe der gesamten Völkergemeinschaft, dies zu realisieren und sich im Sinn einer friedlicheren, menschlicheren und besseren Welt einzusetzen.

Der Posaunenchor der Evangelisch-methodistischen Kirchengemeinde umrahmte die Gedenkfeier stimmungsvoll mit mehreren Musikstücken.

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Erstellt:
10. September 2019, 06:00 Uhr

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