Nach Haralds Tod
Warum ist Sonja noch Königin von Norwegen?
Nach dem Tod von König Harald V. bleibt Sonja Königin. Warum trägt sie den Titel weiter, obwohl Norwegen mit Mette-Marit längst eine neue Königin hat?
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Norwegens Königin Sonja trifft im Storting ein, wo König Haakon VIII. gemäß der Verfassung seinen Eid abgelegt hat.
Von Katrin Jokic
König Harald V. ist tot, sein Sohn Haakon VIII. hat den norwegischen Thron übernommen und Mette-Marit ist die neue Königin. Trotzdem heißt auch Haralds Witwe weiterhin Königin Sonja. Wie kann ein Land zwei Königinnen haben? Die Antwort liegt im Unterschied zwischen Amt und Titel – und zeigt, wie unterschiedlich Europas Monarchien mit ehemaligen Königen und Königinnen umgehen.
Mit dem Tod von König Harald V. am 28. August 2026 wechselte die norwegische Krone unmittelbar zur nächsten Generation. Sein Sohn wurde König Haakon VIII., dessen Ehefrau Mette-Marit damit zur Königin von Norwegen wurde. Das norwegische Königshaus bezeichnet sie inzwischen ausdrücklich als „Hennes Majestet Dronning Mette-Marit“, also Ihre Majestät Königin Mette-Marit.
Doch auch Haralds Witwe Sonja ist keineswegs wieder zur Prinzessin geworden. Sie wird weiterhin als „Dronning Sonja“ – Königin Sonja – geführt. Noch wenige Tage nach Haralds Tod verwendete das Königshaus diese Bezeichnung bei den Trauerfeierlichkeiten und offiziellen Terminen.
Zwei Königinnen – aber nur eine ist die aktuelle Königin
Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn man zwischen einem königlichen Amt und einem persönlichen Titel unterscheidet.
Sonja war während der Regierungszeit Haralds keine Monarchin aus eigenem Recht. Staatsoberhaupt war allein der König. Sonja war seine Ehefrau und damit Königin als sogenannte Queen Consort, auf Deutsch meist Königsgemahlin genannt.
Mit Haralds Tod endete deshalb kein eigenes Regierungsamt Sonjas – sie hatte keines, von dem sie hätte zurücktreten können. Stattdessen wurde sie zur Königinwitwe, auf Norwegisch enkedronning. Sonja ist die erste norwegische Königinwitwe seit der Wiedererlangung der staatlichen Selbstständigkeit 1905.
Ihr persönlicher Königinnentitel bleibt bestehen. Gleichzeitig ist Mette-Marit nun die Königin an der Seite des regierenden Königs.
Auch das aktuelle Protokoll macht diese Unterscheidung deutlich: In Mitteilungen des Hofes werden Haakon und Mette-Marit als „Hans Majestet Kongen“ und „Hennes Majestet Dronningen“ – Ihre Majestät, der König und die Königin – genannt. Haralds Witwe erscheint dagegen ausdrücklich mit ihrem Namen „nur“ als „Dronning Sonja“, also Königin Sonja.
Sonja bleibt zudem Mitglied des Königshauses und soll weiterhin repräsentative Aufgaben übernehmen. Das Königshaus schreibt nach dem Thronwechsel, dass sie weiterhin eine aktive Repräsentantin des Hauses sei.
Großbritannien: Das berühmteste Beispiel einer Königinwitwe
Das Prinzip ist keineswegs ungewöhnlich. Das bekannteste Beispiel stammt aus Großbritannien.
Als König George VI. 1952 starb, wurde seine Tochter Königin Elizabeth II. Ihre Mutter war zuvor ebenfalls Königin Elizabeth gewesen. Nach dem Tod ihres Mannes verlor sie den Königinnentitel nicht. Um Verwechslungen zwischen Mutter und Tochter zu vermeiden, wählte sie allerdings die Bezeichnung „Queen Elizabeth The Queen Mother“, Königin Elizabeth, die Königinmutter. Sie behielt auch die Anrede „Her Majesty“ und nahm bis ins hohe Alter öffentliche Termine wahr.
Sonjas Situation ist damit grundsätzlich vergleichbar: Die neue Generation übernimmt den Thron, während die Witwe des verstorbenen Königs ihren persönlichen Rang und ihren Königinnentitel behalten kann.
Niederlande: Nach der Abdankung wieder Prinzessin
Ganz anders gehen die Niederlande mit ihren ehemaligen Monarchen um.
Königin Beatrix dankte am 30. April 2013 zugunsten ihres Sohnes Willem-Alexander ab. Mit der Unterzeichnung der Abdankungsurkunde wurde er König.
Beatrix verlor mit ihrer Abdankung jedoch den Titel Königin. Seitdem heißt sie wieder Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Beatrix der Niederlande, Prinzessin von Oranien-Nassau. Diese Änderung hatte das niederländische Königshaus bereits vor dem Thronwechsel angekündigt.
Belgien: Der König bleibt König
Belgien folgt dem entgegengesetzten Modell.
Albert II. kündigte im Juli 2013 seine Abdankung an. Am belgischen Nationalfeiertag, dem 21. Juli, übergab er den Thron an seinen Sohn Philippe, der vor dem Parlament den Verfassungseid leistete und damit siebter König der Belgier wurde.
Albert blieb trotzdem König – allerdings nicht mehr „König der Belgier“, also Staatsoberhaupt. Das belgische Königshaus führt ihn heute als „Seine Majestät König Albert II.“ Auch seine Frau trägt weiterhin den Titel „Ihre Majestät Königin Paola“. Das offizielle Protokoll schreibt für beide sogar weiterhin die Anrede „Majestät“ vor.
Belgien zeigt damit besonders deutlich: Der Titel „König“ muss nicht bedeuten, dass jemand noch König ist. Philippe ist der amtierende König der Belgier; Albert ist König Albert II. als früherer Monarch.
Spanien: Zwei Könige und zwei Königinnen
Noch deutlicher ist diese Trennung in Spanien.
Juan Carlos I. dankte 2014 zugunsten seines Sohnes Felipe VI. ab. Seine letzten Regierungsjahre waren von zahlreichen Skandalen überschattet worden. Mit der Abdankung endete Juan Carlos' Stellung als Staatsoberhaupt. Den Königstitel verlor er jedoch nicht.
Die spanische Regierung regelte ausdrücklich per königlichem Dekret, dass Juan Carlos den Titel König und Sofía den Titel Königin lebenslang und ehrenhalber weiterführen dürfen. Beide behalten zudem die Anrede „Majestät“.
Spanien hat deshalb seit 2014 nominell zwei Männer mit dem Königstitel und zwei Frauen mit dem Königinnentitel: Felipe VI. und Letizia sind das regierende Königspaar; Juan Carlos und Sofía führen ihre Titel als ehemalige Majestäten weiter.
Dänemark: Königin Margrethe blieb nach ihrer Abdankung Königin
Auch Dänemark entschied sich 2024 gegen das niederländische Modell.
Margrethe II. kündigte in ihrer Silvesteransprache 2023 überraschend an, nach 52 Jahren auf dem Thron zurückzutreten. Am 14. Januar 2024 wurde ihr Sohn Frederik X. König. Seine Frau Mary wurde Königin.
Margrethe blieb dennoch „Ihre Majestät Königin Margrethe“. Der dänische Hof stellte schon vor dem Thronwechsel ausdrücklich klar, dass sie auch nach ihrer Abdankung die Anrede Majestät und den Titel Königin behalten werde.
Auch in Dänemark existieren deshalb heute zwei Frauen mit dem Königinnentitel: Königin Mary ist die Ehefrau des amtierenden Königs, Königin Margrethe die ehemalige Monarchin.
Es gibt keine einheitliche europäische Regel
Wer nach einer allgemeinen Regel für europäische Königshäuser sucht, wird sie nicht finden. Titel hängen von nationalem Recht, Tradition und Hofprotokoll ab.
Die Niederlande nehmen ehemaligen Monarchen den Königstitel nach einer Abdankung und lassen sie zu Prinz oder Prinzessin zurückkehren. Belgien, Spanien und Dänemark erlauben dagegen, dass der Titel König oder Königin weitergeführt wird. Großbritannien kennt wiederum die Tradition der Queen Dowager, der Königinwitwe.
Norwegen folgt nach Haralds Tod nun ebenfalls diesem Grundprinzip.
Für Sonja bedeutet das: Sie ist nicht mehr die Königin von Norwegen im Sinne der Ehefrau des amtierenden Monarchen. Diese Rolle hat jetzt Mette-Marit. Sie bleibt aber Königin Sonja – die Witwe eines Königs und die Mutter des neuen Königs.
Dass Norwegen damit zwei Königinnen hat, ist also weder eine geteilte Regentschaft noch ein protokollarisches Versehen. Es zeigt lediglich, dass in einer Monarchie ein Titel ein Leben lang bestehen kann, während das damit ursprünglich verbundene Amt längst an die nächste Generation weitergegangen ist.
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Die alte und die neue Königin: Sonja (l) und Mette-Marit winken den Norwegern nach der Trauerfeier für König Harald V. vom Balkon des Schlosses aus zu. Zwischen ihnen der neue König, Haakon VIII.
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Prinz Constantijn der Niederlande (l-r), Prinzessin Beatrix und der niederländische König Willem-Alexander stehen bei einem Besuch von Hitzacker neben dem Denkmal für Claus von Amsberg. Claus von Amsberg war Prinzgemahl der früheren niederländischen Königin Beatrix.
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Spaniens König Felipe VI. (r) und Königin Letizia verlassen nach einer Trauerfeier für Norwegens König Harald V. die Kathedrale von Oslo.
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Dänemarks ehemalige Königin Margrethe (2.v.l.) Anne-Marie von Dänemark (l, Hintergrund), König Frederik (2.v.r.) und Königin Mary (r) besuchen ein Konzert des Königlichen Leibgarde-Musikkorps anlässlich des 86. Geburtstags von Alt-Königin Margrethe im Innenhof von Schloss Fredensborg.
