Uhlenhaut Coupé
Was Mercedes mit dem Erlös aus dem Verkauf des teuersten Autos der Welt macht
Mercedes-Benz stiftet den Millionen-Erlös des Uhlenhaut Coupés. Davon profitieren junge Menschen aus 55 Ländern – auch eine Stuttgarterin ist dabei.
© Imago/Imagebroker, Lukas Breusch/beVisioneers
Das Uhlenhaut Coupé von Mercedes-Benz wurde für 135 Millionen versteigert. Davon profitieren bislang weltweit 1400 Stipendiaten von beVisioneer, die umweltfreundliche oder nachhaltige Ideen in die Tat umsetzen.
Von Veronika Kanzler
135 Millionen Euro – für ein Auto. Vor vier Jahren versteigerte Mercedes‑Benz eines von zwei Uhlenhaut Coupés an einen anonymen Käufer und erzielte einen Rekordpreis. Doch was ist aus dem Geld geworden?
Schon vor der Auktion des legendären Rennsportwagens war klar: Der Erlös soll in ein globales Förderprogramm fließen, das weltweit junge Menschen fördert. Ziel sei es, eine neue Generation dabei zu unterstützen, umweltfreundliche Ideen in die Tat umzusetzen. So entstand das Stipendiums-Programm „beVisioneers: The Mercedes‑Benz Fellowship“. Was so viel bedeutet wie „seid Visionäre“. Die gemeinnützige Organisation The Do hat dafür ein Konzept entwickelt und ist auch für die Umsetzung verantwortlich.
Mercedes-Benz ist nicht an Auswahl der Stipendiaten beteiligt
Bislang fördert die Stiftung rund 1400 junge Innovatoren aus 55 Ländern, viele aus Afrika und Asien. Bewerben können sich 16‑ bis 28‑Jährige mit guten Englischkenntnissen und einer konkreten Idee für die Lösung eines Umweltproblems. Entscheidend sei, sagt Zoe Magee, Sprecherin von The Do, dass die Stipendiaten das jeweilige Problem aus eigener Erfahrung kennen. „Es reicht nicht zu sagen: ‚Ich vermute, es gibt ein Müllproblem in Indien.‘“ Explizit keine Voraussetzung ist, dass man bereits Gründer ist oder Start-up-Erfahrung mitbringt. Im Vordergrund stehen Glaubwürdigkeit und Umsetzbarkeit.
An der Auswahl der Stipendiaten ist Mercedes‑Benz nicht beteiligt. Der Konzern legte, zusammen mit The Do, Rahmenbedingungen fest – etwa, dass mindestens 50 Prozent der Geförderten Frauen oder nicht‑binär sind und mindestens die Hälfte aus wirtschaftlich benachteiligten Verhältnissen stammt.
In Stuttgart treffen sich 150 der 1400 Stipendiaten
Olaf Schick, Vorstand bei Mercedes-Benz für Integrität, Governance und Nachhaltigkeit, sagt: „Es ist faszinierend zu sehen, wie die jungen Menschen Unternehmertum zusammen mit Nachhaltigkeit denken und welche Problemlösungen hier präsentiert werden.“ Was er meint, zeigt sich Anfang Mai in Stuttgart: Beim Global Summit kommen rund 150 der insgesamt 1400 Stipendiaten zusammen, um sich auszutauschen und mit Mentoren und Experten zu arbeiten.
Da ist zum Beispiel Thabo Mngomezulu aus Südafrika. Nach seinem Highschool-Abschluss hat er mit 17 Jahren sein Dorf verlassen, um in Johannesburg Musiker zu werden. Anfangs erfolgreich, geriet seine Karriere während der Corona‑Pandemie ins Stocken. Die Auftritte fielen weg, die Einnahmen ebenso. Mngomezulu stellte sich eine neue Frage: „Was kann ich tun, das nicht nur mir hilft, sondern auch meiner Gemeinde?“ Er kehrte zurück in sein Dorf und begann, sich mit dem dortigen Müllproblem zu beschäftigen.
Biogasanlage in Südafrika dank Verkauf des Uhlenhaut Coupés
Bei seinen Recherchen stieß er auf Biogas. Obwohl das Thema in Südafrika kaum verbreitet war, begann er, organische Abfälle aus Haushalten, Schulen und Restaurants zu sammeln und in Biogas fürs Kochen und das Heizen umzuwandeln. „Ich nehme etwas, das als wertlos gilt, und mache daraus Energie.“ Das Nebenprodukt nutzt er als Dünger – mit besseren Ernten und neuen Einkommensmöglichkeiten als Folge. „Die Menschen sehen: Abfall ist eine Ressource.“
Den entscheidenden Schub erhielt Mngomezulu durch die Stiftung. „Ich hatte vorher keinen Laptop, alles lief über mein Handy.“ Er bekam technische Ausstattung, Zugang zum Internet, finanzielle Unterstützung und Mentoring. Heute betreibt er mehrere kleine Biogasanlagen, bildet Dorfbewohner aus und arbeitet daran, sein Modell wirtschaftlich abzusichern. Sein Fazit: „Ohne die Stiftung wäre das nicht möglich gewesen.“
Mngomezulu ist einer der Stipendiaten, die nicht nur vom Mentoring und Onlinekursen profitieren, sondern auch finanziell unterstützt wurden. Wer aus wirtschaftlich schwachen Ländern kommt, kann zusätzlich zum Mentoring und Zugang zu Experten Geld für seinen Lebensunterhalt bekommen - oder für einen Laptop und W-Lan.
Stipendiatin aus Stuttgart
Zu den Stipendiaten zählt auch Katrin Kreidel aus Stuttgart. Sie ist im dritten Jahr dabei und hat gemeinsam mit zwei Mitgründern das Start‑up Hydrop Systems aufgebaut. Die Idee: ein „Rauchmelder für den Wasserzähler“. Ein Aufsatz für bestehende Zähler, der mithilfe eines KI‑Modells den Wasserverbrauch sekundengenau erfasst und per App anzeigt. „So lassen sich Schäden an Leitungen deutlich früher erkennen“, sagt Kreidel. „Damit erkennt unser System sehr viel schneller Schäden an Leitungen und kann somit vor größeren Wasserschäden schützen“, erklärt Kreidel.
Rund 1000 Geräte hat Hydrop Systems bislang verkauft. Über die Stiftung erhielt Kreidel Mentoring und Zugang zu Experten, unter anderem zu einem Venture-Coach, der Gründern hilft. „Das hat uns enorm geholfen“, sagt die Stuttgarterin. Denn derzeit steht das Start‑up vor seiner nächsten Herausforderung: der Finanzierung. Um weiter wachsen zu können, setzt das Team auf Crowdinvesting. Privatpersonen können sich ab 100 Euro beteiligen – entweder über ein Darlehen mit Gewinnbeteiligung oder über Unternehmensanteile. „Ich wusste vorher gar nicht, dass es diese Möglichkeiten der Finanzierung gibt“, sagt Kreidel. Bislang sind rund 300 000 Euro zusammengekommen, etwa die Hälfte der Summe, die Hydrop Systems zum Skalieren benötigt.
Kreidels Mentorin war eine Mitarbeiterin von Mercedes‑Benz mit eigener Start‑up‑Erfahrung – „das war für mich extrem wertvoll“, sagt sie. Grundsätzlich kann jeder Mitarbeiter Mentor werden, betont Vorstand Olaf Schick. „Dabei ist es egal, ob man Führungskraft oder Sachbearbeiter ist. Hauptsache, man geht begeistert an das Mentoring heran und ist bereit, seine Zeit und sein Wissen zur Verfügung zu stellen.“
Großes Netzwerk hilft den Mercedes-Stipendiaten
Bei dem Global Summit treffen ganz unterschiedliche Kulturen aufeinander. Manche der Teilnehmer haben noch nie ihr Land verlassen. „Auch das macht beVisioneers aus, dass Menschen aus aller Welt und mit verschiedenen Hintergründen aufeinandertreffen“, findet Olaf Schick. Wie wertvoll das ist, bestätigt auch Kreidel. „Wenn ich etwas über andere Märkte wissen will, kann ich einfach meine Mitstipendiaten fragen.“
Der Verkauf des Uhlenhaut Coupés fördert die Problemlösungen junger Menschen auf der ganzen Welt. Schick betont, dass es Mercedes wichtig sei, sich auch in herausfordernden Zeiten gesellschaftlich zu engagieren. Bis mindestens 2030 sind die Stipendien mit dem Erlös von 135 Millionen Euro jedenfalls gesichert.
