Filmfestspiele in Venedig

Welche Filme haben Chancen auf den Goldenen Löwen?

Die 83. Internationalen Filmfestspiele von Venedig gehen zu Ende. Auf den letzten Metern ragt der erschütternde Dokumentarfilm „Naza“ über Israels Vorgehen in Gaza heraus. Welche Favoriten gibt es sonst noch?

Vanessa Scalera und Lino Musella in „Il Fuoco Che Ti Porti Dentro“

© ANNA CAMERLINGO

Vanessa Scalera und Lino Musella in „Il Fuoco Che Ti Porti Dentro“

Wenn an diesem Samstag die 83. Internationalen Filmfestspiele in Venedig zu Ende gehen, ließe sich angesichts manches enttäuschenden oder unbefriedigenden Films im Wettbewerb ein durchaus durchwachsenes Urteil ziehen. Doch umso deutlicher stachen die Höhepunkte in der Hauptreihe des Festivals hervor und empfahlen sich so der von der US-Schauspielerin und Regisseurin Maggie Gyllenhaal geleiteten Jury, die in diesem Jahr über den Goldenen Löwen und die übrigen Preise entscheidet.

Am Donnerstag hatte sich diesbezüglich noch ein Film in Stellung gebracht, der sich in jeder Hinsicht vom Rest des Wettbewerbs absetzte. „Naza“ ist nicht nur die einzige dokumentarische Arbeit in der Hauptsektion, sondern auch ein Werk von einer Wucht und – auch politischer – Sprengkraft, die in diesem Jahr ihresgleichen suchen. Denn Yuval Abraham und Rachel Szor, die schon zum Regieteam des Oscar-Gewinners „No Other Land“ gehörten, haben für ihren Film mit 24 Soldaten der Israel Defense Forces und Militär-Mitarbeitenden, die in erschütternder Ausführlichkeit darlegen, wie Israels Führung seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 den Tod palästinensischer Zivilisten nicht nur in Kauf nimmt, sondern gezielt plant.

Diese Einblicke schockieren nachhaltig

Nichts, was man in „Naza“ erfährt, ist neu, geschweige denn Propaganda; alle Fakten und Aussagen wurden in Kooperation mit dem britischen „Guardian“ und den israelischen Investigativ-Medien „+972 Magazine“ und „Local Call“ recherchiert und veröffentlicht. Doch die Ausführlichkeit und Ruhe, mit der die Befragten hier – häufig, aber nicht immer in Kombination mit Reue oder Schuldgefühlen – Einblicke geben in die Überwachung und Tötung Tausender Palästinenserinnen und Palästinenser durch den systematischen Einsatz von KI, Drohnen und Flächenbombardement, schockieren nachhaltig.

Auch in der visuellen Umsetzung ist „Naza“ bezwingend. Abraham führt alle Interviews im Dunkel der Nacht, auf einer Dachterrasse in Tel Aviv, während zwischendurch die Kamera immer wieder durch die Fenster auf den nächtlichen Alltag in Israel blickt, inklusive Nachrichten auf flimmernden Fernsehbildschirmen und gelegentlichem Bombenalarm. Erst ganz zum Schluss zeigt das israelische Regie-Duo auch Aufnahmen aus Gaza selbst, die kaum erträglich sind. Doch da ist der Glaube an die Menschlichkeit längst nachhaltig erschüttert.

Fast könnte man einen Bogen schlagen von diesem dringlichen Dokumentarfilm zum ersten Film, der in Venedig einen Glanzpunkt gesetzt hatte, schließlich erzählt auch Martin McDonagh in „Wild Horse Nine“ von verdeckten Geheimdienstoperationen mit weitreichenden internationalen Folgen. Wobei der irische Regisseur John Malkovich und Sam Rockwell 1973 als CIA-Agenten auf die Osterinsel schickt, wo die beiden weniger angesichts des bevorstehenden Putsches in Chile, aber vor allem einer unheilbaren Krebserkrankung auch mit dem eigenen Lebensweg konfrontiert werden. Einmal mehr gelingt McDonagh ein Blick auf eine ungewöhnliche Männerfreundschaft und Fragen nach Schuld und Reue, der so schwarzhumorig wie bitter-melancholisch ist. Nicht zuletzt Malkovich empfiehlt sich nicht nur für eine Oscar-Nominierung, sondern auch einen möglichen Preis auf dem Lido.

Gleich eine Vielzahl von aussichtsreichen Anwärterinnen gibt es auf den Darstellerinnen-Preis, wofür sich in der zweiten Festivalhälfte beispielsweise Vanessa Scalera in „Il Fuoco Che Ti Porti Dentro“ in Position brachte. Im überzeugendsten der zahlreichen italienischen Wettbewerbsfilme – einem von galligem Humor lebenden, an Weihnachten spielenden Familiendrama von Edoardo De Angelis – brilliert sie, obwohl in Wirklichkeit noch keine fünfzig Jahre alt, als toxische Großmutter, die der gesamten Verwandtschaft das Leben schwer macht.

Ihre Landsfrau Alba Rohrwacher spielt derweil in „Un Bon Petit Soldat“ des Franzosen Stephane Brizé als zwischen Job und Mutterschaft, aber bald auch moralischer Überzeugung und Karriere-Erwägungen hin- und hergerissene Personalchefin so stark auf wie nie. Noch bessere Chancen könnte allerdings die Dänin Mathilde Arcel für „Kvinde, Ukendt“ haben. Denn dass Gyllenhaal und ihre Mitstreiter den gleichermaßen nüchternen wie aufwühlenden Film von Regisseurin May el-Toukhy über eine Hausangestellte, die im Nachkriegs-Kopenhagen ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen versucht, bei der Preisvergabe ignorieren, kann man sich kaum vorstellen.

„Possible Love“ ist großer Favorit

Etliche weitere Filme der zurückliegenden Tage – etwa Casey Afflecks Mystery-Historienfilm „Company“ oder „A Bit of Light“ des Iraners Ali Asgari über einen nach seiner Verhaftung durch das Regime an Selbstmord denkenden Arztes – fielen wie zuvor schon „Bunker“ mit Penélope Cruz und Javier Bardem oder das französische Jugendpsychiatrie-Drama „15/18“ von Cédric Kahn eher in die Kategorie „mäßig überzeugend“.

Entsprechend gehört auf den letzten Metern immer noch „Possible Love“ von Lee Chang-dong zum erlesenen Kreis der Filme, die in Venedig für weitreichende Begeisterung sorgten und nun als Löwen-Favoriten gelten dürfen. Mit viel Ruhe, Bedacht und naturalistischer Kameraarbeit erzählt er anhand zweier Ehepaare von Klassenunterschieden und den Nachwehen einer Massenentlassung, so menschlich und klug, dass es trotz einer Länge von fast drei Stunden Minuten nicht langweilig ist.

Sollte die Jury sich scheuen, mit einem Goldenen Löwen für „Naza“ auch ein politisches Statement zu setzen, dürfte das Werk des Koreaners, das von gesellschaftlichen Realitäten so sehr handelt wie von der Liebe, eine gute Alternative sein

Mathilde Arcel in "Kvinde, Ukendt"

© Andrejs Strokins

Mathilde Arcel in "Kvinde, Ukendt"

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Erstellt:
11. September 2026, 16:54 Uhr

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