EM-Ausstieg hat Spuren hinterlassen

Läuferin Hanna Klein verweist vor allem auf eine Erkältung, ihr Trainer Uwe Schneider sieht mehr ein mentales Problem

Der Europameisterschaftslauf in Berlin über 5000 Meter hätte für Hanna Klein von der SG Schorndorf der Höhepunkt einer herausragenden Saison sein sollen. Doch er wurde zu einer riesigen Enttäuschung, die deutsche Meisterin stieg aus. Das hat Spuren hinterlassen, sogar die weitere Zusammenarbeit mit Trainer Uwe Schneider stand infrage.

Ein bitterer Moment: Hanna Klein muss die Bahn in Berlin beim EM-Rennen über 5000 Meter schon nach 3400 Metern verlassen. Foto: Imago

Von Mathias Schwardt

Es gibt eine eherne Regel unter Leichtathleten: Ein Wettkampf wird nicht abgebrochen, es sei denn, eine Verletzung oder eine Krankheit zwingen den Sportler dazu. Noch dazu bei einer Heim-EM. Es war also klar, dass es Diskussionsbedarf geben würde, als die Urbacherin am 12. August die Bahn nach nur 3400 Metern mit einer Miene tiefster Niedergeschlagenheit verließ. Selten hatte man auch Trainer Uwe Schneider so ratlos erlebt. Es sei auf jeden Fall kein physisches Problem gewesen, behauptete er noch unter dem Einfluss der Enttäuschung direkt nach dem Rennen.

Sogar Kleins Freund Marcel Fehr, der in Berlin im immens schnellen Männer-Rennen über 5000 Meter mit Platz 18 überzeugt hatte, konnte sich am Tag nach dem Frauenlauf keinen rechten Reim auf ihren Ausstieg machen. Schneider dagegen bekräftigte seine Vermutung, es sei Kopfsache gewesen. Dem widersprach wiederum noch am selben Abend indirekt die Athletin: Sie liege nun mit einem Infekt flach. Hanna Kleins Begründung für ihren Ausstieg lautete somit: Der Erreger im Körper hatte ihr im Rennen die Kraft geraubt.

Ernste Gespräche, doch ein Ende

der Zusammenarbeit ist

nur ganz kurz ein Ansatzpunkt

Bislang hatten die dreimalige Silvesterlauf-Siegerin in Backnang und ihr Trainer stets Einigkeit demonstriert, doch in dem Punkt sind sie sich auch über zwei Monate nach der EM uneins. Zwar sagt Schneider, die sich andeutende Erkältung habe Klein vielleicht extra geschwächt, doch erbleibt grundsätzlich dabei: „Der selbst gemachte Druck hat sie gelähmt.“ Seine Vorgabe fürs Rennen habe „Top zwölf“ gelautet, „aber Hanna hat sich viel mehr vorgenommen“. Seiner Meinung nach wirkten sich mehrere Faktoren negativ aus. Nach Kleins beeindruckendem elften Platz bei der WM 2017 in London über 1500 Meter und dem deutschen Meistertitel in diesem Jahr über 5000 Meter seien die Erwartungen hoch gewesen. Dass sich die Läuferin in Berlin kurzfristig dazu entschloss, nicht über 1500, sondern über 5000 Meter zu starten, bewertet Schneider als ein Zeichen von Stress. Der kurzfristige Wechsel, den er allerdings unterstützt hatte, sei nicht professionell gewesen. Dafür habe er sich bei den Bundestrainern entschuldigt.

Uwe Schneider kritisiert aber auch den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV). Dass er als Heimtrainer keine Akkreditierung für den Innenraum im Olympiastadion bekam, sondern auf eigene Rechnung auf der Tribüne sitzen musste, während etwa die deutsche Konkurrentin Konstanze Klosterhalfen kurz vor dem Rennen noch von Sebastian Weiß unterstützt wurde, der nicht nur deren Heim- sondern auch Bundestrainer ist, sieht Schneider als „Puzzleteil“, warum das Rennen schiefging. Klein sei „das fünfte Rad am Wagen“ gewesen.

Insgesamt nimmt Schneider seine Athletin in Schutz und betont die abgesehen von der EM herausragende Saisonleistung, doch der Ausstieg in Berlin gab ihm schon zu denken: „Ich war enttäuscht von Hanna, das lässt sich nicht schönreden. Aber ihr selbst hat es auch sehr wehgetan.“ Ernste Gespräche hätten sie danach geführt und sogar übers Ende der Zusammenarbeit nachgedacht. Aber nur kurz – das Duo hat schon zu viel gemeinsam erlebt, um jetzt gleich alles hinzuschmeißen.

Laut Schneider werden die Konsequenzen aus der EM gezogen: „Wir werden im trainingstaktischen Bereich noch intensiver arbeiten, damit eine Qualifikation kein Problem ist. Außerdem suchen wir Hilfe im psychologischen Bereich.“ Zudem ist der Schorndorfer der Meinung, die Auswahl der Strecke sei Sache des Trainers. Als Problem sieht er Kleins Studienort Köln. Zwar sei es toll, dass sie es schaffe, Psychologie zu studieren und gleichzeitig sportliche Topresultate zu erzielen, „aber die Distanz tut nicht gut, Hanna muss die Trainingseinheiten allein machen. Ich sehe ihre Körpersprache nicht.“ Deshalb werde sich Klein für eine Masterarbeit in Stuttgart bewerben und – wenn es tatsächlich klappt – im Frühjahr 2019 zurückkehren.

Das bestätigt die Athletin, widerspricht ihrem Trainer aber auch: Ihr Ausstieg sei nicht primär Kopfsache gewesen. „In der Nacht nach dem Rennen merkte ich, dass ich krank werde. Der Lauf selbst war eine Quälerei, ich wusste nicht mehr, wie ich ins Ziel kommen sollte. Emotional wäre es besser gewesen, durchzulaufen, aber der menschliche Körper ist keine Maschine.“ Vor allem sei sie enttäuscht gewesen, weil sie nicht gewusst habe, warum sie sich so schlapp fühlte. Folglich habe sich sogar Erleichterung eingestellt, als die Erkältung tags darauf richtig ausgebrochen sei.

Klein findet, wegen eines schlechten Wettkampfs dürfe nicht gleich alles umgekrempelt werden. Die Frage nach einem Trainerwechsel habe sich für sie gar nicht gestellt. Das Training in Köln habe gut funktioniert, der Gewinn des deutschen Meistertitels, Kleins erster bei den Aktiven, sei die Erfüllung eines Traums gewesen. Für sie stehe jedoch mehr im Vordergrund, sich zu verbessern, „Uwes Motivation ist vielleicht eher der Erfolg“. Tatsächlich habe Schneider sie vor der EM aber nicht unter Leistungsdruck gesetzt.

Nun wollen Hanna Klein und Uwe Schneider die negative Erfahrung hinter sich lassen und nach vorne blicken. Von Rückschlägen will sich die Läuferin nicht entmutigen lassen: „Ich werde mir den Spaß am Laufen nie nehmen lassen.“