Zwischen Bescherung und Stallgeburt

Tierarzt Harald Pfeiffer ist oft auch an Heiligabend und den Feiertagen als Helfer gefordert – Kein immer ganz leichter Balanceakt

Wenn ein Pferd, Rind oder Hund gesundheitliche Probleme hat, kommt Harald Pfeiffer ins Spiel. In der Regel auch an Weihnachten und den Feiertagen. Dabei hat der Murrhardter Tierarzt schon so manch ungewöhnliche Geschichte erlebt. Einerseits ist der Balanceakt zwischen Dienst und eigenem Familienleben besonders an diesen Tagen spürbar, andererseits ist der 54-Jährige Überzeugungstäter.

Als Veterinär für Großtiere betreut Harald Pfeiffer verschiedene Höfe im oberen Murrtal. Hier macht er gerade eine vorweihnachtliche Stippvisite bei Familie Wurst in Hinterwestermurr, die einen Braunviehbetrieb hat, den er seit fast 20 Jahren als Tierarzt betreut. Er freut sich auf die Feiertage, aber muss sie nehmen, wie sie kommen – auch mit möglichen Patienten und Stallaufenthalt. Fotos: privat/A. Tiplyashin/Fotolia

Von Christine Schick

MURRHARDT.Von seinen Eltern weiß Harald Pfeiffer, dass sein Traumberuf früh feststand. „Sie haben mir erzählt, dass ich das schon mit sechs Jahren beschlossen habe“, sagt er schmunzelnd. Das große Interesse für Tiere und Biologie kam nicht von ungefähr. Sein Vater war Landwirt und auf dem Hof des Onkels in Oberschwaben hat er im Urlaub oder bei Familientreffen schon von klein auf Kontakt mit Tieren gehabt und eine landwirtschaftliche Lebens- und Produktionsweise erlebt. In Nehren bei Mössingen am Fuße der Schwäbischen Alb aufgewachsen, ging Pfeiffer nach dem Abitur und der Wehrpflicht zum Studium nach Gießen.

Von Anfang an war klar, dass er sich vor allem um die, wie man bei Veterinären sagt, Großtiere kümmern will. Ein Wunsch, der mittlerweile bei Studienanwärtern oft gar nicht mehr entsteht, weil die Landwirtschaft mit dem Hofsterben immer mehr aus dem alltäglichen Erleben herausfällt, sagt er. Weil damit ebenso die Zahlen an Großtierpraxen zurückgehen, bedeutet dies für seinen eigenen Alltag einen engagierten Einsatz – oft auch am Wochenende und den Feiertagen, wenn alles klappt im Wechsel mit Kolleginnen oder Kollegen, die ihn in der Assistenzzeit in der Praxis unterstützen.

„Wenn man kleine Kinder hat, kann das schon stressig sein an Heiligabend“, sagt Harald Pfeiffer. Ob die Familie gerade dabei ist, den Baum aufzustellen, den Tisch zu decken, die Bescherung einzuläuten oder zur Kirche zu gehen, „jederzeit kann das Telefon klingeln“. Und im Notfall muss die Familie dann zurückstecken. Vor dem Handyzeitalter gehörten Tierärzte seiner Einschätzung nach zu denjenigen, die in ihren Haushalten die allerlängsten Telefonleitungen hatten, sodass der Apparat auch mal bis an den Fuß zum Garten platziert werden konnte. Mittlerweile ist er um die Möglichkeit des Mobilfunks froh, auch wenn das bedeutet, dass er sich an Heiligabend oder den Feiertagen aus dem Gottesdienst schleichen muss, um beim Rückruf zu hören, was anliegt.

Heiligabend tritt der Stall im beruflichen Kontext auf den Plan

So kann es auch mal vorkommen, dass er bei der Geburt eines Kälbchens helfen muss, der Stall dann sozusagen wieder im beruflichen Kontext auf den Plan tritt. Bevor er nach Murrhardt kam, fand er sich an Heiligabend beispielsweise im Bergischen Land bei einer Kuh wieder, dessen Kälbchen mit einem Kaiserschnitt geholt werden musste. Aber während er noch dabei war, die Wunde zuzunähen, standen schon Adventskranz und Plätzchen da, um auch ihm als Helfer etwas Gutes zu tun und ein wenig Weihnachtsstimmung zu ermöglichen. Bei Landwirten weiß er zudem, dass sie nur im Notfall anrufen. Ein Bauer plant die Besamung seiner Kühe sogar so, dass an Weihnachten keine Geburt ins Haus steht. Ebenfalls in die Zeit vor seiner Praxis fällt ein recht skurriler Einsatz am Nachmittag eines 24. Dezembers. Damals bat ihn sein Chef zu einem Patienten zu fahren – ein Pferd, das nur noch auf drei Beinen stehen konnte und mit seinem vierten offensichtlich Probleme hatte. Als der Tierarzt vor Ort war, hatte er allerdings Probleme, zweibeinige Ansprechpartner zu finden. Schließlich kam dann doch ein Mann aus einem Stall gewankt, will heißen, dem Glühwein war schon ordentlich zugesprochen worden. Pfeiffer jedenfalls fand niemand, der in der Lage war, das Pferd zu halten, damit er dem Tier eine Spritze geben konnte, musste sich aber gleichzeitig immer wieder gegen Einladungen wehren, doch ein Gläschen mitzutrinken. „Die ganze Stimmung war schon ein bisschen surreal.“

Seit 1999 arbeitet er in Murrhardt, wo er später die Praxis von Dr. Udo Claus übernommen hat. Neben Großtieren sind im Alltag ebenso die kleineren Kandidaten ein Thema, also auch über die Feiertage. So ist es möglich, dass während der eigenen Festvorbereitungen noch eine Katze wegen einer Bisswunde wieder zusammengeflickt werden muss. Aufgrund der Routine wiegt das allerdings nicht mehr so schwer. Anders sieht es bei Fällen aus, in denen Haustiere aufgrund von akuten Vorfällen wie Unfällen oder schwerer Krankheit erlöst werden müssen oder sterben. „Wenn es an Weihnachten zu Ende geht, ist das für einen Besitzer, der einen langjährigen treuen Begleiter verliert, natürlich hart“, sagt Pfeiffer. „Das nimmt einen schon mit, besonders wenn Kinder involviert sind oder ältere Menschen, für die die Tiere eine zentrale Rolle gespielt haben, beispielsweise ein Hund, der jemanden 15 Jahre begleitet hat.“

Mit Blick auf die Möglichkeiten, die in der Behandlung von kranken und alten Tieren Einzug gehalten haben, plädiert Harald Pfeiffer allerdings auch dafür, ans Tier zu denken und nicht allein die Bedürfnisse des Besitzers zu berücksichtigen.

Dass an Heiligabend für das allerliebste Haustier ein Geschenk unter dem Weihnachtsbaum liegt, findet er völlig in Ordnung. „Klar, die freuen sich und bekommen auch mit, dass in den Tagen eine andere, besondere Stimmung herrscht“, sagt der 54-Jährige. Er hat selbst Haustiere – früher zwei Katzen und einen Hund, im Moment eine Samtpfote – und als seine drei Kinder noch klein waren, wurde auch Feli, ein größerer Rehpinschermix, mal mit einem Präsent bedacht.

Bei Süßigkeiten gibt es für die Vierbeiner allerdings etwas zu beachten – sie dürfen keine Schokolade erwischen, die ist für Hunde giftig. „Sie können den Kakao nicht verstoffwechseln.“ Auch das ist ein typischer Weihnachtseinsatz: Vierbeiner, die nachdem sie vom Murrhardter Tierarzt ein Medikament bekommen haben, im Vorgarten von Harald Pfeiffers Praxis den Nikolaus oder einen Teil von ihm wieder von sich geben, um keinen Leberschaden zu riskieren.

Bei den Anrufen ist abzuwägen, ob die Situation heikel und ein Einsatz sofort nötig ist – wie bei einem Vergiftungsverdacht, Geburtskomplikationen oder einer Kolik – oder vielleicht doch bis nach den Feiertagen gewartet werden kann. Weil Harald Pfeiffer vor Ort sein muss, rückt zu Weihnachten die Verwandtschaft bei ihm an. Auch der Kirchbesuch ist eingeplant. Pfeiffer engagiert sich seit 14 Jahren in der katholischen Seelsorgeeinheit oberes Murrtal, lange Zeit in Sulzbach, da er zunächst in Bartenbach wohnte, mittlerweile in Murrhardt. Ein Steckenpferd ist die Partnerschaftsarbeit mit Ecuador, aber auch die Mitarbeit an der Zeitschrift Guckloch findet er spannend. „Auch da muss ich mich dann bei einem Anruf einfach leise rausschleichen, aber die Mitstreiter kennen das schon.“

Auch in der Praxis stimmen er, das Team und die Kunden sich aufs Fest ein, ob mit weihnachtlichem Schmuck, kleinen Geschenken oder einem Teamweihnachtsessen.

Es gehört für Harald Pfeiffer dazu, dass in dieser Zeit die Arbeit nicht alles dominiert, mal Luft ist, um einem besinnlichen Moment nachzusinnen. Auch er macht Pläne, freut sich auf seine Verwandtschaft und trotzdem heißt es für ihn, die Weihnachtstage so zu nehmen, wie sie kommen – auch mit möglichen Patienten und Stallaufenthalt.