Demokratiegeschichte geschrieben

Vor 70 Jahren wurde die CDU in Deutschland gegründet – Ein Rückblick von Christian Schweizer auf die Christdemokraten in Murrhardt

Erster CDU-Stadtverbandsvorsitzender: Kupferschmied und Metallbauer Eugen Maurer.

Murrhardt ist einer dieser Orte im deutschen Südwesten, der Demokratiegeschichte geschrieben hat. Schon 1848 wehte hier mit Ferdinand Nägele der schwarz-rot-goldene Geist der Freiheit. Mit Bodenständigkeit, Gottvertrauen, Wissen und Einsatz gestalteten vor 70 Jahren die Bürger nach dem Trauma der NS-Gewaltherrschaft ein neues Staatswesen. Ein Neubeginn, Glaubwürdigkeit und internationales Ansehen sowie Vertrauen im eigenen Land galt es wieder zu beleben. Diese politischen Urgesteine, die im Sinne des alten Demos, dem Staatsvolk, erkannten, dass eine Gesellschaft auch in und für die Polis, die Stadtgemeinde, etwas tun muss. Anders formuliert: die Geschichte der Demokratie begann im Kleinen, sie begann an der Basis zu sprießen.

Am 20. Juni 1945 – sechs Wochen nach der Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945, erlebte Murrhardt in fünf Stunden ein Ereignis mit historischer Dimension für den deutschen Südwesten: Die erste demokratische Versammlung, eine Landrätekonferenz im Gasthof Sonne-Post unter Aufsicht der amerikanischen Militärregierung. Parteien gab es dabei noch keine, allerdings alterfahrene Demokraten und Politiker aus der Zeit vor 1933.

Wilhelm Keil, sozialdemokratisches Urgestein und Teilnehmer an der Konferenz, identifizierte unwidersprochen Murrhardt und das Tagungslokal Sonne-Post Jahre später als „die Geburtsstätte der neuen schwäbischen Demokratie“. In einem „wenig ansprechenden Raum“ der Sonne-Post, welcher zudem vollgestapelt war mit Akten – Murrhardt war damals Ausweichquartier für einige Ministerien aus Stuttgart – versammelten sich unter der Leitung des ehemaligen Backnanger Bürgermeisters und kommissarischen Landrates Dr. Albert Rienhardt 25 Männer um einen Tisch und diskutierten die Probleme und Nöte der Bevölkerung. Zunächst argwöhnisch, dann aber immer wohlwollender beobachtet von US-Captain Alfred M. Bingham. Als Assistent, also Mitarbeiter oder Hilfskraft, des Schwäbisch Gmünder Landrats nahm Dr. Reinhold Maier (DVP) an der Konferenz teil, der im September 1945 Ministerpräsident von Württemberg-Baden und 1952 erster Ministerpräsident des neuen Bundeslandes Baden-Württemberg wurde. Seinen Aufzeichnungen verdanken wir heute zahlreiche Einzelheiten der Konferenz, unter anderem das große Erstaunen der amerikanischen Besatzer über den Umgang der Konferenzteilnehmer miteinander und „the first sprouting of democracy“ (das Entstehen einer Graswurzeldemokratie) im Südwesten des vormaligen Kriegsgegners Deutschland. (Das US-amerikanische Interesse scheint damals anders ausgerichtet gewesen zu sein.)

Praktisches Ergebnis der Murrhardter Landrätekonferenz: Im Auftrag der Militärregierung, des damaligen Oberst William W. Dawson, arbeitete Reinhold Maier ein schriftliches Notstandsprogramm aus, welches in weiteren vier Landrätekonferenzen diskutiert und verabschiedet wurde. Am 21. Dezember 1945 erließ die Militärregierung ein Gesetz, das die Einberufung einer sogenannten Vorläufigen Volksvertretung anordnete, die die Landrätekonferenz ablöste. Die Vorläufige Volksvertretung wurde durch die am 30. Juni 1946 in freier Wahl gewählte Verfassunggebende Landesversammlung abgelöst.

Ebenfalls vor 70 Jahren entwickelten sich die ersten neuen Parteistrukturen und Wählergruppierungen. Gerade auch in Murrhardt begannen die Parteien bald eine demokratische Organisation aufzubauen. Viele Einflüsse markierten den Weg der CDU zur Volkspartei. Die Weimarer Republik hatte erwiesen, wie zerstörerisch eine Zersplitterung in Kleinparteien ist. Die Alliierten hatten ein Vierparteiensystem vorgegeben, also war neben KPD und SPD nur noch Platz für zwei weitere Parteien, der neuen CDU und der DVP/FDP. An den späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss und die Aufenthalte bei seinem Freund Eugen Gürr in Murrhardt soll hier der Vollständigkeit wegen erinnert werden.

Im Umfeld dieser Entwicklung im Südwesten wirkten Männer wie Paul Traugott Bausch, Wilhelm Simpfendörfer, Josef Beyerle und Hermann Kling beziehungsweise Eugen Gerstenmaier oder eine Frau, Gräfin Elisabeth Vitzthum von Eckstädt. Teilweise waren sie schon vor dem Kriege im CSVD, dem Christlich Sozialen Volksdienst (1929 bis 1933) aktiv und gründeten nun in der Region um Stuttgart die CSVP, die Christlich Soziale Volkspartei. Bereits während der NS-Herrschaft hatten sich einige auf die Zeit des demokratischen Wiederbeginns vorbereitet und die Idee einer interkonfessionellen, christlich inspirierten Volkspartei der Mitte entwickelt. Der Name Christlich Demokratische Union war anfänglich nicht einheitlich, sondern setzte sich erst 1947 vollends durch.

In Murrhardt, so ist den Akten zu entnehmen, engagierten sich in einem ersten Stadtverbandsvorstand Eugen Maurer, Kupferschmied und Vertreter der Kreishandwerkerschaft, Schneidermeister Emil Schmidgall, der Begründer der CDU in Murrhardt und persönlicher Freund des späteren Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier und Kultusministers Wilhelm Simpfendörfer, sowie Wilhelm Hahn, Sparkassenangestellter und aktiv in der evangelisch-methodistischen Gemeinde sowie Obmann der Jugend. Auf Kreisebene war der Murrhardter Alfred Elser, ehemaliger Stabszahlmeister und Verwaltungsbeamter, als erster Geschäftsführer aktiv. Elser war ein Onkel von Christa Elser, einst SPD-Stadträtin in Backnang. Alfred Elser engagierte sich insbesondere bei der Lebensmittel und Wohnraumhilfe für Übersiedler und Flüchtlingsfamilien.

Als katholische Neubürger aus dem Osten waren Oberstudienrat Felix Knoll und Kurzwarenhändler Friedrich Karger und Karl Tabery aktiv sowie Grete Landsgesell und Anna Szymainsky als erste Frauen im neuen Ortsverband. Weitere Gründungsmitglieder waren Gottlob Maier, Johann Müller, Adam Schmidt, August Wilhelm sowie der Missionar Paul Schmid und der Religionslehrer Adolf Speck. Ebenso der Kleinunternehmer Hugo Nothwang, der als Fahrer den jungen Ortsverband tatkräftig unterstützte.

Eine erste Versammlung der CSVP/DVP zur Gemeinderatswahl wurde am 12. Januar 1946 unter dem Vorsitz von Elektromeister Heinrich Horn und Emil Schmidgall durchgeführt, die dann zusammen mit Friedrich Noller aus Hausen, Ernst Dietrich aus Karnsberg, Gottlieb Noller aus Siegelsberg und E. Jung, die erste konservative Liste im Gemeinderat bildeten, nachdem die US-Militärverwaltung darauf hingewiesen hatte, dass sich eine bürgerliche Gruppe in Murrhardt bisher nicht zur anstehenden Wahl aufgestellt hatte. Die Versammlungen konnten nur nach Genehmigung durch die Amerikaner, unter Zuteilung von Treibstoff oder mit dem Dienstfahrrad organisiert werden.

In Vorbereitung für die Landtagswahl wurde dann am 10. September 1946 im damaligen Gasthaus Lamm, heute Rathausstüble, der Ortsverband der CSVP/ CDU Murrhardt gegründet. Bereits am 15. September sprach in Murrhardt im Schwanen Ministerialrat Felix Walter sowie am 20. November Paul Traugott Bausch. Weitere Versammlungen unter der Leitung von Wilhelm Hahn, fanden am 11. und am 15. November 1946 in Fornsbach und in Kirchenkirnberg statt. In Fornsbach bildete sich eine CDU-Gruppe um den damaligen Bürgermeister Eugen Kinzer und einem Pfarrer Heinrich Woern. Auf Kreisebene in Backnang agierten Landrat Karl Limbeck und Sparkassendirektor Wilhelm Kopp für die CDU.

Die Probleme mit der Lebensmittelversorgung, den immer zahlreicher ankommenden Kriegsflüchtlingen und den heimkehrenden, traumatisierten Soldaten waren immens. Ebenso forderte der Wiederaufbau sämtlicher ziviler und wirtschaftlicher Strukturen einen demokratischen Zusammenhalt – eine Grundhaltung und Mahnung im Hinblick auf die heutigen Zeiten.

Durchweg stellte und stellt die CDU an der Murr mit den Landtagspräsidenten Erich Schneider und Wilfried Klenk, dem Gewerkschafter Martin Schetter, MdB, und der Unternehmerin Rosely Schweizer, MdL, sowie den Staatssekretären und Bundestagsabgeordneten Dr. Dieter Schulte und Norbert Barthle bis heute Volksvertreter mit Kernkompetenz und Bürgernähe.

Quellen:

Dokumente zur Gründung der CDU. Zusammengestellt von Andreas Grau und Hanns Jürgen Küsters.

Aus dem Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Reinhard Schreiner, Namen und Daten aus sechs Jahrzehnten Parteiarbeit. Die Vorsitzenden und Geschäftsführer der CDU-Landes-, Bezirks- und Kreisverbände seit 1945 (neue Länder ab 1990).

Archiv für Christlich-Demokratische Politik, Wissenschaftlicher Dienst der Konrad-Adenauer-Stiftung Sankt Augustin 2012.

Originalunterlagen der CDU Murrhardt. Eugen Gürr, Murrhardter Chronik 1945/46, erschienen in Historegio Quellen, Herausgeber. Gerhard Fritz, Band1, 2. Auflage, 1997

Fotos: Stadtarchiv Murrhardt