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Der Weg von der Taucherbrille zur Impfung

Alexandra Zieffle hat im Februar 2020 die Heimleitung der Schumm Pflege GmbH in Murrhardt übernommen. Dann kam Corona. Sie und das Team blicken auf ein Jahr mit viel Unsicherheit, Druck und Arbeit, aber auch positiven Aspekten zurück.

Der Neubau des Pflegeheims gleich gegenüber geht weiter seinen Gang. Fotos: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Der Neubau des Pflegeheims gleich gegenüber geht weiter seinen Gang. Fotos: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. „Als der erste Lockdown kam, war ja auch die Rede davon, dass sich die Zeit im Sinne einer Entschleunigung nutzen lässt. Mein Alltag war aber vor allem durch Beschleunigung geprägt“, erzählt Alexandra Zieffle. „Hätte mir Silvester 2019 jemand gesagt, dass es eine Zeit geben wird, in der wir alle Pflegeheime für Besucher schließen werden, und der Kontakt nur über Skype oder durch die geschlossene Glasscheibe möglich ist, hätte ich den Kopf geschüttelt.“ Waren zu Anfang noch Hygiene-, Pandemie- und Notfallpläne aufzustellen, wurde für die frischgebackene Heimleiterin und das Team die Frage drängender, wie sie sich ganz konkret darauf vorbereiten konnten, wenn es Infektionsfälle in der Einrichtung geben sollte. „Die Schwierigkeit war, anfangs hatten wir keine Chance, an Schutzausrüstungen zu kommen“, sagt sie. „Ich hab auch zu Hause mit meinem Mann im Netz regelmäßig und intensiv gesucht, aber es war nichts zu machen.“ Nach schlaflosen Nächten beschloss sie, wie andere auch, zu improvisieren. „Wir haben dann etwa 20 Taucherbrillen beschafft, weil das Gummi den Bereich um die Augen einigermaßen abschließt.“ FFP2-Masken waren rar und teuer, es konnten erst mal 40 Stück gekauft werden. Zwar entspannte sich die Lage später in Sachen Schutzausrüstung und auch die Schumm Pflege GmbH erhielt schließlich das notwendige Material, aber es waren viele, teils harte Entscheidungen zu treffen und die Arbeitsbelastung nahm deutlich zu.

„Bei der Tagespflege haben wir noch überlegt, wie wir das Betreuungsangebot aufrechterhalten können, beispielsweise, indem man übernachtet, um mehr Sicherheit zu haben. Wir haben das aber verworfen“, erzählt die 37-Jährige. Die ambulante Betreuung wurde geschlossen, womit die Angehörigen erst mal zurechtkommen mussten. Alexandra Zieffle weiß, dass nicht wenige ihren kompletten Jahresurlaub genommen haben, um die Betreuung zu bewältigen. Die Mitarbeiter der Tagespflege haben das Pflegeteam und die Betreuungsabteilung unterstützt. Gut so, denn zu den Vorsichtsmaßnahmen gehörte auch, dass jeder auch nur beim geringsten Anzeichen von Unwohlsein zu Hause blieb. „Da hat schon ein Kratzen im Hals genügt.“ Die Sensibilität war groß, sodass bereits ein Husten beunruhigt hat. „Wenn man sich mal verschluckt und gehustet hat, hat man versucht, sofort unter den Tisch zu kriechen.“

Gewisse Routinen zogen in den Alltag ein wie die Temperatur bei den Bewohnern zu messen, bei eigenen Kontakten als Mitarbeiter vorsichtig zu bleiben und als neue, feste Größe die Stockwerke, die wie ein Haushalt eingestuft wurden. „Die Zeit, in der die Bewohner keine Besuche bekommen konnten, war wirklich hart“, sagt Pflegefachkraft Stephanie Kuch. „Manche sind da schon in eine depressive Phase reingerutscht und haben mehr Fürsorge gebraucht. Jetzt, wo sich das lockert, blühen sie wieder auf.“

Um aber während dieser schwierigen Phase einer Isolation und Vereinsamung etwas entgegenzusetzen, schaffte das Pflegeheim Tablets an. Stefan Nägele von der Betreuungsabteilung kümmerte sich darum, dass so Videogespräche mit den Liebsten möglich waren, wenn es die technischen Voraussetzungen bei den Angehörigen erlaubten. Später tastete sich das Team vorsichtig an eine Annäherung auf Distanz heran. Als beste Variante erwies sich die Begegnung an der Glasscheibe der Fensterfront im Erdgeschoss mit Festnetztelefon und Handy. Später konnten die Angehörigen sich an zwei Plätzen im Forum einfinden – hinter einer großen Trennscheibe. „Die Verständigung war da nicht ganz leicht, wir haben teils als eine Art Übersetzer fungiert“, erzählt Alexandra Zieffle. Die Tagespflege konnte im Juni wieder in Betrieb gehen. Nach Sommer und Frühherbst und einem kurzen Aufatmen – sogar ein kurzes Konzert im Garten war möglich sowie die Aktion „Herzenswünsche“ für die Erstklässler – kündigte sich die zweite Welle an. Es war ein Weihnachten, an dem keiner der Bewohner wie bisher zu Besuch zu den Angehörigen konnte.

Die E-Mails des Bundesverbands gehören zur täglichen Lektüre.

Die abendliche Lektüre von Alexandra Zieffle – die ausführlichen Rundmails des BPA (Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste) – gehört schon längst dazu und hilft ihr, bei den ständigen Neuerungen Schritt zu halten. Ende des vergangenen Jahres hieß es, ein Testkonzept vorzulegen und umzusetzen, was auch viel Verwaltungsaufwand bedeutete (Einverständniserklärungen von Angehörigen und Betreuern), und sich in Sachen Impfung schlauzumachen. Die Erich-Schumm-Stiftung konnte früh beginnen und Alexandra Zieffle ist dankbar für die Unterstützung des Hausarztes Stephan Schönfeld, der die Aufklärungsgespräche übernahm. Am 19. Februar war es geschafft – 204 Frauen und Männer, unter ihnen Heimbewohner, Menschen aus der Tagespflege und dem betreuten Wohnen sowie Mitarbeiter, sind geimpft. Die Quote beurteilt Alexandra Zieffle als relativ hoch, sind es bei den Heimbewohnern 74 von 84, bei den Mitarbeitern in der Pflege sind es 43 von 50.

Das Testen läuft zur Sicherheit weiter, mittlerweile sind auch die Angehörigen, die zu Besuch kommen, dazu verpflichtet. „Ich bin froh, dass keiner in der Einrichtung an Corona gestorben ist“, sagt Alexandra Zieffle. Trotzdem müssen Menschen manchmal ihr Leben dort beschließen. In solch einer Ausnahmesituation, wenn klar war, dass jemand im Sterben lag, durften direkte Angehörige aber in dieser Zeit auch trotz Schließung in die Einrichtung kommen. „Sie haben eine Sondergenehmigung erhalten“, sagt Alexandra Zieffle. Die Heimleiterin und ihr Team haben den Druck im Rückblick auf das Jahr besonders gespürt. Als Chefin ist sie sehr dankbar für das Engagement ihres Teams.

Und wie haben Bewohner die Zeit wahrgenommen? Margot Hasenmaile lebt seit rund zwei Jahren im Stift und spricht ganz offen aus, dass die Lage, die durch Corona entstanden ist, auch bei ihr Spuren hinterlassen hat. Die 85-Jährige war anfangs noch sehr aktiv, hat ihre Kontakte gepflegt und Besorgungen in der Stadt gemacht. „Ich hab die Schutzmaßnahmen verstanden und akzeptiert, aber durch die Einschränkungen hab ich leistungsmäßig zurückgefahren und meine Kondition hat abgenommen“, sagt sie. Die Einkäufe fehlen ihr, nicht alle Bekannten kommen persönlich vorbei, mancher Besuch wird durch ein Telefonat ersetzt. „Ich würde gern mehr machen“, sagt die ehemalige Lehrerin, die auf ein sehr aktives Leben zurückblickt, in dem Musik, Lesen und Reisen eine wichtige Rolle gespielt haben. Nach ihrer Impfung hofft sie, dass im Alltag allmählich wieder etwas mehr Aktivität möglich ist.

Auch für Stephanie Kuch ist durch Impfungen, Tests und leichte Lockerungen spürbar, wie hart der Alltag für die Bewohner und das Team zuvor war. „Man hat sich schon viele Gedanken gemacht und Angst gehabt, dass es Infektionen in der Einrichtung gibt.“ Die Arbeit bleibt trotzdem fordernd, gelten doch immer noch viele Vorsichtsmaßnahmen wie das Tragen einer Maske oder regelmäßige Tests. Eine Impfung bedeutet letztlich keine Garantie und vieles weiß man noch nicht. „Es war ein schwieriges Jahr“, sagt Alexandra Gruber, Leiterin der Tagespflege, die gerade im Haus Emma ist. „Aber ich finde, wir sind als Team zusammengewachsen und ich denke, dass auch das Verhältnis zu den Bewohnern sich noch verbessert hat. Es ist mehr Vertrauen und Nähe entstanden“, sagt sie.

Und ihre Chefin hofft, dass sich die Anerkennung der Arbeit nicht nur auf das lang verklungene Klatschen und eine Einmalprämie beschränkt. Letztlich weiß sie aber – auch da muss man dranbleiben. Nicht unerwähnt lässt sie aber genauso, dass der Vorstand des Heims sie immer unterstützt habe, und konkrete Spenden in Sachen Schutzausrüstung von regionalen Unternehmen haben genauso geholfen wie der partnerschaftliche Beistand ihres Mannes.

Margot Hasenmaile im Gespräch mit Heimleiterin Alexandra Zieffle (von links). Die Seniorin hat die Einschränkungen deutlich gespürt, auch wenn sie sie versteht. Als noch sehr rüstige 85-Jährige war sie viel in der Stadt unterwegs und hat gemerkt, dass der Rückzug ihre Kondition beeinflusst hat.

© Jörg Fiedler

Margot Hasenmaile im Gespräch mit Heimleiterin Alexandra Zieffle (von links). Die Seniorin hat die Einschränkungen deutlich gespürt, auch wenn sie sie versteht. Als noch sehr rüstige 85-Jährige war sie viel in der Stadt unterwegs und hat gemerkt, dass der Rückzug ihre Kondition beeinflusst hat.

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Erstellt:
17. März 2021, 06:00 Uhr

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