Philippe Sands

Friedenspreis für einen universellen Optimisten

Internationales Recht? Das scheint dieser Tage etwas aus der Mode gekommen zu sein. Der neue Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels hält dagegen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit Preisträger Philippe Sands.

© Hannes P. Albert/dpa POOL/dpa

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit Preisträger Philippe Sands.

Von KNA Katholische Nachrichten-Agentur GmbH

Die heute ukrainische Stadt Lemberg, die Metropole Rom, die Chagos-Inseln im Indischen Ozean oder Chile: In seinen Büchern führt der französisch-britische Jurist Philippe Sands die Leser einmal rund um die Welt. Die Welt, genauer gesagt, das Völkerrecht ist das eigentliche Metier des 65-Jährigen; seine zweite Leidenschaft gilt der Geschichte und der Literatur. Am Sonntag hat Sands in Frankfurt „als eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen unserer Zeit“ den mit 25.000 Euro dotierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten.

„Frieden braucht Gerechtigkeit. Gerechtigkeit braucht Regeln. Regeln brauchen das Recht. Und das Recht und Gesetze gelten universell, nicht selektiv.“ So lautet das Credo des Juristen, das er auch bei der Entgegennahme des Preises in der Paulskirche vortrug. Es folgte ein Plädoyer für das Völkerrecht, dessen Regeln gut funktionierten. „Sie sind nicht im Begriff zu verschwinden, auch wenn einige schwer verletzt werden“, so der Professor für Internationales Recht am University College London. „Jetzt ist die Zeit, für sie einzutreten.“

Sands: „Recht und Gesetze sind universell“

Für das Rechtsstaatsprinzip brauche es einen langen Atem, redete der Autor dem Publikum in Frankfurt ins Gewissen. Das sei eine Lektion, die Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin verinnerlicht hätten. Die beiden Juristen leisteten wichtige Grundlagenarbeit etwa für den Straftatbestand „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, ein Anklagepunkt gegen führende Mitglieder des NS-Regimes während der Nürnberger Prozesse.

Lauterpacht und Lemkin gehören überdies zu den Protagonisten seines ersten und direkt vielbeachteten literarischen Sachbuchs, das Sands 2016 veröffentlichte: „Rückkehr nach Lemberg. Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Darin taucht der Nachfahre zweier Holocaust-Überlebender zugleich in die eigene Familiengeschichte ein.

Sands über „Rattenlinie“ der Nazis

Die Auseinandersetzung mit den Untaten der Nationalsozialisten ist auch Gegenstand von Sands zweitem Bestseller „Die Rattenlinie. Ein Nazi auf der Flucht – Lüge, Liebe und die Suche nach der Wahrheit“. Abermals verknüpft der Autor mit detektivischem Spürsinn und Detailreichtum persönliche Lebensgeschichten mit übergeordneten historischen und juristischen Fragestellungen. Das gilt auch für die beiden jüngsten Veröffentlichungen „Die letzte Kolonie“, erschienen 2022, und „Die Verschwundenen von Londres 38“ von 2025.

In „Die Verschwundenen von Londres 38“ widmet sich Sands den Verbrechen unter der Militärdiktatur von Augusto Pinochet und dessen Helfershelfern wie dem einstigen SS-Offizier Walter Rauff. Der war als SS-Sturmbannführer ab 1941 für die Entwicklung der mobilen Gaswagen verantwortlich, die in der besetzten Sowjetunion für die Massenmorde an Juden sowie Sinti und Roma eingesetzt wurden. 1949 floh Rauff nach Chile – und diente sich später Pinochet an.

Die letzte Kolonie der Welt

„Die letzte Kolonie“ handelt von dem immer noch nicht beendeten Streit zwischen Großbritannien und Mauritius um die Rückgabe des Chagos-Archipels, das die Briten 1973 zur militärischen Nutzung an die USA verpachteten. Sands lässt hier vor allem einstige Bewohner zu Wort kommen, die seit Jahrzehnten um die Rückkehr in ihre Heimat kämpfen und die er als Berater unterstützte.

Das alles ist keine leichte Kost und der Leser ahnt, welche dicken Bretter der Autor in seiner juristischen Karriere bereits gebohrt hat. Sands schreibe gegen das Vergessen, befand die Friedenspreis-Jury. Er verbinde „persönliche Lebensgeschichten mit den großen Fragen des Völkerrechts: Wie können Verbrechen wie Genozid, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Folter, Kolonialunrecht und politische Gewalt benannt und geahndet werden?“

Philippe Sands: „Völkerrecht gilt auch in Gaza“

Zynismus ist Sands dabei fremd, auch wenn das Völkerrecht gerade durch eine schwere Phase gehe, wie er unlängst bereits in einem Interview der „Zeit“ einräumte. Doch die werde nicht ewig andauern, so der Jurist. Seine beiden Leidenschaften wird der unerschütterliche Optimist wohl weiter pflegen: die Literatur und das Recht. „Wenn wir Frieden finden wollen, müssen wir über Gerechtigkeit reden und deshalb gut zuhören, was uns die Literatur zu erzählen hat.“

Die Zeiten, in denen der Buchhandel Friedenspreise an einseitig orientierte Kriegspropagandisten verlieh, scheinen mit dem universellen Philippe Sands jedenfalls vorbei: Er hat Deutschland dazu aufgefordert, seine Haltung gegenüber Israel mit Blick auf den Krieg im Gazastreifen zu überdenken. Völkerrechts-Straftaten müssten unabhängig davon benannt werden, wer sie begehe, sagte der 65‑Jährige.

KNA/mic

Zum Artikel

Erstellt:
11. Oktober 2026, 15:12 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!

Ukraine-Krieg

Trump meldet „Energie-Waffenruhe“ zwischen Russland und der Ukraine

Russland und die Ukraine haben nach Angaben von US-Präsident Donald Trump zugestimmt, ihre Angriffe auf die Energieinfrastruktur des jeweils anderen Staates einzustellen.