Respektvoller Umgang, nicht nur im Sport

Vielfalt tut gut: Aktionstag an der Walterichschule Murrhardt mit spannender Kombination aus Fußballturnieren und Workshops

Einerseits kann Sport Brücken zwischen Menschen schlagen und absolut verbindend sein. Andererseits gibt es genauso Beispiele, in denen die Gruppendynamik und Emotionen so hochkochen, dass sich Fans erbitterte Kämpfe liefern und Diskriminierung fröhlichen Einstand feiert. Insofern ist der Sport in doppelter Hinsicht Lehrmeister und Chance beim Aktionstag „Vielfalt tut gut“ an der Walterichschule Murrhardt.

Catherine Lohmann (links) erarbeitet mit Sechsklässlern, wie man erkennt, dass eine Haltung und Fankultur ausgrenzend und diskriminierend ist. Fotos: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. Gleich am Morgen finden sich die Jugendlichen auf dem Sportplatz neben der Schule ein. Die Klassen 7 und 8, später auch 5 und 6, treten gegeneinander an. Sie haben jeweils sechs Spieler ausgewählt, die sie ins Matsch schicken. „Ein Mädchen muss auf jeden Fall dabei sein“, sagt Tatjana Riekert vom Projekt Brückenschlag. Weiterer Anreiz, eine weibliche Spielerin auszuwählen: Die Mädchentore werden doppelt gezählt. „Es geht einfach darum, die Mannschaft vielfältiger zu machen“, erklärt die Sozialarbeiterin.

Gemeinsam mit Sonja Großhans, Leiterin der Fachstelle Demokratieförderung und Rechtsextremismusprävention im Rems-Mur-Kreis, hat sie den Aktionstag für die Walterichschule organisiert – als eine der Veranstaltungen der Reihe „Vielfalt tut gut“ im Oberen Murr- und Rottal. Unterstützung gibt es zudem von Sinja Wernz vom Demokratiezentrum Baden-Württemberg sowie vom Kreisjugendring. Neben den sportlichen Wettkämpfen warten nämlich auch noch Workshops auf die Schüler – mit Referenten vom Demokratiezentrum, vom Kreisjugendring und von der Landeszentrale für politische Bildung.

Unter der Überschrift „(K)eine runde Sache“ befasst sich die Klasse 6b noch vor ihren Spielen mit besagtem Doppelgesicht des Sports: dem Spannungsfeld zwischen Fußball und Team auf der einen und menschenverachtenden Einstellungen auf der anderen Seite. Catherine Lohmann, Referentin des Stadtjugendrings Stuttgart und des Teams meX, führt mit einem Filmausschnitt ins Thema ein: Zu sehen sind in rot getauchte, von Bengalos erleuchtete Stadionszenen, Fanmassen auf dem Weg zum Spiel und voll besetzte Ränge, auf denen Fahnen geschwenkt werden. In einem ersten Stimmungsbild sammelt sie ein paar Statements ein. Die Palette reicht von „beeindruckt von den vielen Menschen“ über „ich bin Fan einer anderen Mannschaft“ bis hin zu „ich mag lieber kleinere Gruppen“. Auch bei der Frage, wer wie die Fußballweltmeisterschaft verfolgt, fallen die Antworten ganz unterschiedlich aus.

Die eine Gruppe wertet sich auf,

indem sie die andere abwertet

Dann geht es ans Eingemachte: Die Schüler befassen sich in Kleingruppen mit der unschönen Seite von Gruppenbildungsprozessen, die auch im Fußball stark verankert sind. „Man wertet sich und die Gruppe auf, indem man andere abwertet“, sagt Catherine Lohmann. Dieses Grundphänomen, dass eben nicht alle Menschen in ihrer Gleichwertigkeit anerkannt werden, kann verschiedene Gesichter haben. Im Workshop schauen sich die Schüler vier Kategorien an: Rassismus, Homophobie, Sexismus und Antisemitismus.

„So eine Gruppendynamik kann einen Einzelnen schon mitreißen, und es sind hohe Hürden, da selbstbewusst auszubrechen“, erklärt die Referentin, während die Schüler sich mit kurzen Videofilmen zu den vier Themen befassen. Gleichzeitig „geht es beim Workshop auch um die Frage, wie möchte ich leben und was ist mir wichtig“. Der Übergang von Vorurteilen zu unhinterfragten Rollenbildern ist oft fließend, was bei den einzelnen Kategorien deutlich wird. So scheint es auf den ersten Blick vielleicht nicht besonders dramatisch, dass die Überraschungseier für Mädchen rosa, die für Jungs hellblau verpackt sind. Trotzdem trägt es dazu bei, Rollenbilder zu zementieren und im Falle eines wachsenden Drucks Jungen und Mädchen, Frauen und Männer daran zu hindern, sich wirklich „frei zu entfalten“. Beim Sexismus werden Frauen und Männern bestimmte Eigenschaften zugeschrieben beziehungsweise abgesprochen. Ein Beispiel Catherine Lohmanns: ZDF-Fußballreporterin Claudia Neumann wird vor allem in den sozialen Medien beleidigt, weil sie als Frau im Fernsehen Fußballspiele kommentiert.

Gemeinsam wird erarbeitet, was Rassismus bedeutet. Beispielsweise wird die Hautfarbe mit bestimmten negativen Eigenschaften verbunden, so der Tenor. Meist stehen dunkelhäutige Menschen im Fokus, wie Sascha erläutert, weil man sie als böse oder kriminell vorverurteilt. Die Referentin erinnert an den Vorfall mit Kevin-Prince Boateng, bei dem die gegnerischen Fans ihn durch Affengeräusche und entsprechende Gestik beleidigt haben. Die Assoziationen „nicht so schlau“ bis hin zu „wilde Tiere“ machen deutlich, wie drastisch die Ausgrenzung ist.

Homophobie, also die Angst vor Menschen, die sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen, ist im Fußball ebenfalls ein Thema. „Thomas Hitzlsperger hat sich ja erst nach seiner aktiven Spielzeit geoutet, also gesagt, dass er homosexuell ist“, meint die Referentin. „Er hatte vermutlich Angst, wie seine Mitspieler reagieren, und dass es seine Karriere beeinträchtigt“, sagt Sascha. Catherine Lohmann nickt und ergänzt, dass dabei auch so manches Vorurteil mitschwingt, wie ein Schwuler ist „ein Weichei und geht bei einem Foul wie eine Operndiva zu Boden“.

Auch die letzte Kategorie – Antisemitismus – hat es in sich. Nach einem kurzen Schwenk in die Vergangenheit des Dritten Reichs und den Holocaust macht die Workshopleiterin klar, dass Antisemitismus auch im Fußball zu beobachten ist. „Jude wird als Beleidigung benutzt. Warum ist das daneben?“, fragt sie. „Weil das Judentum einfach nur eine Religion ist“, sagt Luca. „Genau, es geht immer darum, Menschen auf ein Merkmal zu reduzieren“, sagt Lohmann.

Später erarbeitet die 6a noch ein paar Ideen dazu, wie sie solchen Verhaltensweisen etwas entgegensetzen kann und wie ein gutes Fair Play aussieht. Auch die anderen Klassen gehen nicht leer aus. Sie befassen sich mit ähnlichen Grundthemen jenseits des Fußballkontextes, bei denen Demokratie, Menschenrechte sowie Identität eine Rolle spielen („Vielfalt-Coaches“, „Mein.Dein.Unser“ und „Vielfalter“).

Entweder vorher oder nachher geht es auf den Rasen, um die Sache ganz konkret beim Spiel miteinander zu leben. Engagiert, versteht sich. Es fallen gar nicht so wenige Tore, und es sind – ganz nach dem Wunsch von Schulleiterin Martina Mayer – „faire und spannende Spiele“.