Das Insektensterben ist bedenklich

Das Interview: Martin Klatt legt dar, dass die Erhaltung der biologischen Vielfalt nicht zuletzt für Menschen eine Überlebensfrage ist

Biodiversität oder auch biologische Vielfalt ist zunehmend ein Thema in den Medien. Biodiversität – was ist das eigentlich? Was es damit auf sich hat, wird Diplom-Biologe und Referent für Arten und Biotopschutz beim Nabu Baden-Württemberg, Martin Klatt, morgen Abend um 19.30 Uhr in einem Vortrag im Grabenschulhaus erläutern. Der 58-Jährige hat uns im Vorfeld schon ein bisschen was verraten.

Diplom-Biologe Martin Klatt widmet sich dem Arten- und Biotopschutz. Foto: privat

Von Yvonne Weirauch

Ist Biodiversität eine Art Modewort? Nicht jeder Mensch kann auf Anhieb mit diesem Wort etwas anfangen, oder?

Ein Modewort würde ich es nicht nennen, denn Mode ist per se eine kurzlebige Erscheinung und im Grunde etwas Schönes – meistens zumindest, wenn auch nichts wirklich Notwendiges. Die Biodiversität, also die biologische Vielfalt in ihrer Gesamtheit, ist dagegen nicht nur dauerhaft schön, sondern eine Notwendigkeit unserer Existenz.

Warum wird dies zunehmend zu einem Thema in den Medien?

Mittlerweile setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Biodiversität hoch bedroht ist, nicht umsonst wurde in Rio de Janeiro 1992 die UN-Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt verabschiedet. Seit dem vergangenen Jahr steht das Thema durch das wissenschaftlich beschriebene, in seinem ganzen Ausmaß bis dato aber noch nicht bekannte Insektensterben im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit – zu Recht, denn die Zeit, zu handeln, wird knapp.

Man spricht häufig von Veränderungen der biologischen Vielfalt. Wie haben Sie diese in den vergangenen Zeiten wahrgenommen?

Durch die Beobachtung von Wildbienen als zentraler Tiergruppe für die Bestäubung von Wild- und Kulturpflanzen wurde im Laufe der Jahre deutlich, dass selbst einst sehr häufige Arten heute in ihrem Bestand drastisch geschrumpft sind. Das gilt etwa für die Bunte Hummel oder die Gewöhnliche Schmalbiene, die früher allgegenwärtig war, aktuell aber aus etlichen Lebensräumen verschwunden ist.

Wie schätzen Sie die Situation von Natur und Umwelt aktuell ein?

Bei vielen Umweltmedien haben sich durch technische Methoden in den letzten Jahrzehnten Verbesserungen ergeben. Denken wir an die Sauberkeit unserer Gewässer und der Luft. Natürlich ist hier nicht zuletzt durch immer neue, oft synthetische Substanzen die Umweltbelastung immer noch permanent gegeben. Für die biologische Vielfalt, und dazu zählt eben nicht nur die schlichte Zahl der Arten, sondern vor allem die Qualität der Lebensräume, ist die Situation sehr schlecht. Durch die intensive Landnutzung und den ständigen Flächenverbrauch für Siedlungen und Verkehrswege ist hier keine Trendwende in Sicht.

Wo liegen für Sie die Herausforderungen bezüglich Tieren und Pflanzen?

Der Verlust der Lebensräume macht es Tieren und Pflanzen zunehmend schwer, vitale Bestände zu erhalten beziehungsweise neu aufzubauen. Hinzu kommt, dass die verbliebenen Lebensräume oft durch Siedlungsgebiete und Verkehrswege voneinander getrennt sind. Solche Barrieren sind für viele Arten nicht zu überwinden. Die Bestände werden voneinander isoliert und das Überleben wird durch Inzuchteffekte massiv gefährdet. Hier gilt es dringend, dafür zu sorgen, dass unsere Landschaften wieder durchlässig für Tiere und Pflanzen werden, dem grauen Wegenetz aus Straßen muss ein Netz aus grünen Wegen gegenübergestellt werden.

Wie soll die biologische Vielfalt gefördert werden?

Diese Frage lässt sich pauschal kaum beantworten, denn die Vielfalt der Tiere, Pflanzen, Pilze und Mikroorganismen ist davon abhängig, dass ihre Ansprüche an die Lebensräume erfüllt werden. Ein grober Orientierungswert ist aber sicher, für vielfältige Landschaften zu sorgen: Mosaike aus Wäldern, Wiesen, Gewässern und Feldern beherbergen eine größere biologische Vielfalt als einheitlich bewirtschaftete Äcker oder Forste.

Und was erwartet die Besucher nun bei Ihrem Vortrag?

Ich werde als Auftakt zunächst die Grundlagen liefern, was in diesem Thema alles steckt. Ich werde versuchen, gängige populäre Vereinfachungen auszuräumen, die den Blick auf die Gesamtheit der biologischen Vielfalt verstellen. Und ich werde all das mit – wie ich hoffe – spannenden Beispielen illustrieren.