Erschrockene Hamster, staunende Steine

Interaktive Lesung mit Christian Seltmann in der Stadtbücherei Murrhardt – Grundschüler wirken bei Hörspiel mit

Schreien, trommeln, pfeifen und die Schuhe in die Ecke werfen: Alles Dinge, die man eigentlich in einer Autorenlesung nicht machen darf. Bei Christian Seltmann schon. Der Kinderbuchautor nahm mit Grundschülern in der Murrhardter Stadtbücherei das Hörspiel „Robin Cat und die Mutprobe der Wikingerkinder“ auf, bei dem die Schüler die Geräusche beisteuerten.

Christian Seltmann und die Grundschüler mitten in der Hörspielproduktion. Diese ungewöhnliche Art, in eine Autorengeschichte einzutauchen, hat den Kindern viel Spaß gemacht. Die Frage zum Schluss: „Wann machen wir das wieder?“ Foto: J. Fiedler

Von Annette Hohnerlein

MURRHARDT. „Was glaubt ihr, ist da eine Gitarre drin oder 126 schrecklich haarige Springspinnen?“, fragt Christian Seltmann die Kinder und deutet auf den großen Kasten auf seinen Knien. Klar, eine Gitarre kommt zum Vorschein. Und das seltsame Gestell in Seltmanns Händen ist keine riesige Zahnspange, sondern eine Halterung für die Mundharmonika. Mit den Instrumenten begleitet der Autor das Hörspiel, das er zusammen mit den Grundschülern aus Murrhardt, Sulzbach an der Murr und Fornsbach einstudieren und aufnehmen wird. Vorlage ist sein Kinderbuch „Robin Cat und die Mutprobe der Wikingerkinder“, in dem es darum geht, dass Heini, der kleine Wikinger, von einer hohen Klippe auf eine Wolke steigen und zum Strand hinunterschweben soll. Das schafft er nur, weil ihm Robin Cat und seine Freunde mit ihrem Flug-, Fahr- und Tauchapparat zu Hilfe kommen. Der Part der Kinder dabei: Sie produzieren die Geräusche, um die Handlung zu untermalen. Zunächst wird geprobt. Manches klappt gleich ganz gut wie die Anfeuerungsschreie der Wikingerkinder: „Los, mach schon!“ – „Spring!“ – „Du Schisser!“ Etwas mehr üben muss die Gruppe bei Geräuschen, die nicht so geläufig sind: Wie klingt es, wenn Hamster erschrecken, Steine staunen oder Quallen sich die Zähne putzen? Wie vertont man eine Südseestimmung, Meeresrauschen und Palmen, die sich im Wind wiegen? „Schsch, schsch, schsch“ lassen die Jungen die Wellen rauschen, „schubidu, schubidu“ wispern die Mädchen im Takt der Palmen.

Bevor es ernst wird, macht Seltmann mit den Kindern Lockerungsübungen, genau wie die Profis. Auf der Stelle hüpfen, Arme in die Höhe strecken, Beine schütteln, und am Ende die Schuhe ausziehen und in verschiedenen Ecken des Raumes ablegen. Nachdem so der Bewegungsdrang zu seinem Recht kam, ist wieder Konzentration angesagt. Letzte Instruktionen, dann schaltet Seltmann sein Smartphone an, die Aufnahme beginnt. Er ist gleichzeitig Erzähler, spricht die verschiedenen Rollen, singt und begleitet sich mit Gitarre und Mundharmonika. Auf sein Handzeichen hin machen die Schüler die Geräusche, die sie zuvor geübt haben. Zwölf Minuten dauert es, dann ist die Aufnahme im Kasten. „Das schicke ich euren Lehrern per E-Mail. Man kann das Hörspiel auf CD brennen und ihr könnt noch ein Cover dazu malen. Dann habt ihr ein Super-Weihnachtsgeschenk“, so der Tipp des Autors. Dass die Kinder bei dem ungewöhnlichen Projekt viel Freude hatten, zeigten sie mit ihren Rückmeldungen: „Deine Geschichte war schön“ – „Wann machen wir das wieder?“

Mit einer zweiten Schülergruppe vertonte Seltmann anschließend sein Buch „Kommissar Ping und das Kaugummi-Geheimnis“.

Christian Seltmann ist Autor und Übersetzer und wohnt mit seiner Familie in Coburg. Er hat die Erfahrung gemacht, dass solch eine interaktive Lesung Kindern den Zugang zu einem Buch erleichtert. Mit seinem Konzept war er auch schon in Sprachförderklassen oder Brennpunktschulen und hat festgestellt: „Es funktioniert auch bei Kindern, die sonst nicht so großen Erfolg in der Schule haben.“