Basis der Therapie sind Kompressionen

Gefäßspezialist Thomas Karl zeigt im Vortrag über Krampfadern und offene Beine verschiedene Behandlungsmöglichkeiten auf

Krampfadern als Folge von Venenschwäche sind eine Volkskrankheit, die jeden vierten Erwachsenen und mehr Frauen als Männer betrifft. Hauptursachen sind vererbte Bindegewebsschwäche, aber auch stehende Berufstätigkeit, Schwangerschaft, Übergewicht und Thrombosen, verdeutlichte der Mediziner Thomas Karl.

Nicht ausgesprochen angenehm und deshalb in der Akzeptanz nicht sonderlich hoch: Krampfadern mit Strümpfen oder Druckverbänden zu Leibe zu rücken. Nach Thomas Karl ist die Kompressionstherapie aber das A und O der Behandlung. Fotos: A. Sadlowska/Fotolia/ E. Klaper

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Großes Interesse fand sein Vortrag „Krampfadern und offenes Bein – wann und wie richtig behandeln?“, der das Gesundheitsvortragsprogramm 2018 des Krankenpflegevereins Murrhardt abschloss. Zum Einstieg erklärte der Referent kurz das Venensystem und dessen Aufgabe: Es pumpt das sauerstoffarme Blut mit niederem Druck mithilfe der Venenklappen und Muskulatur gegen die Schwerkraft aus der Peripherie zurück zum Herzen. Dies ist vor allem für die Beinvenen schwierig, auf denen im Stehen der höchste Druck lastet, betonte der Direktor der SLK-Klinik für Gefäß- und Endovascularchirurgie am Plattenwald in Bad Friedrichshall.

Im dortigen zertifizierten Gefäßzentrum behandelt er Gefäßerkrankungen in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit einem Team verschiedener Spezialisten. „Krampfadern, also krankhaft erweiterte, sich schlängelnde oder knäuelnde Venen, gehören zu den häufigsten Erkrankungen und sind seit der Antike bekannt, ebenso die Behandlung mit Kompressionsdruckverbänden“, sagte Karl.

Krampfadern entstehen, wenn die dünne Venenwand durch zu starke Belastungen schwach wird und sich dehnt: Dann schließen die Venenklappen nicht mehr, das Blut fließt rückwärts, die Muskelpumpe versagt. So kommt es zu Blutströmungsturbulenzen, wodurch die Gefahr steigt, dass sich Blutgerinnsel bilden und Entzündungen entwickeln.

Der Gefäßspezialist unterschied drei Stadien: Schwellungen (Ödeme) und Überpigmentierung der Haut, Verfärbung und Verhärtung des Unterhautfettgewebes sowie Bildung von Geschwüren im Unterschenkel- und Wadenbereich. Beschwerden und Symptome sind müde und schwere Beine, Spannungsgefühl, Juckreiz, Brennen, Muskelkrämpfe, unruhige Beine, Hitze- und Kältegefühl. „Zur Behandlung ist eine genaue Diagnose erforderlich, sie basiert auf umfassenden Informationen über die familiäre Belastung, Krankheitsvorgeschichte und Entwicklung der Beschwerden des Patienten. Ebenso wichtig ist die medizintechnische Untersuchung, die meist mit Ultraschall erfolgt, in bestimmten Fällen auch mit Computer- oder Kernspintomografie.“

Eindringlich wies der Mediziner auf mögliche lebensbedrohliche Folgen von Krampfadern hin, wie Thrombosen oder eine Lungenembolie, wobei Blutgerinnsel wichtige Blutgefäße verstopfen, offenes Bein und Blutungen. Wann und wie die Therapie erfolgen soll, sei individuell vom Facharzt zu entscheiden. Sie hänge davon ab, wie stark die Beschwerden sind, ob es wichtig ist, Folgeschäden zu vermeiden, aber auch vom Alter des Patienten. „Das A und O der Behandlung ist die konsequente, ausreichende Kompressionstherapie mit Druckverbänden oder Strümpfen“, unterstrich Dr. med. Thomas Karl, wofür es verschiedene Klassen und Typen gibt. Ziel sei es, den Druck in den Venen, die Ödeme und Beschwerden zu verringern, die Venenwände aneinanderzudrücken, damit die Klappen wieder schließen, sodass nicht mehr so viel Flüssigkeit in den Beinen versackt, und das Risiko von Folgeschäden zu verringern. „Die Akzeptanz ist gering, weil es unangenehm ist“, räumte der Experte ein.

Doch nur damit habe man die Chance, ein offenes Bein zu heilen, außerdem sei die Kompressionstherapie wichtiges Element der Nachbehandlung nach Operationen. Eine wichtige Rolle spiele auch die Bewegungstherapie: „Liegen und laufen sind gut, stehen und sitzen schlecht.“ Empfehlenswert seien Ausdauersportarten wie Wandern, Walking, Skilanglauf, Schwimmen, Tanzen oder Radfahren sowie spezielle Gymnastik, nicht zu empfehlen dagegen Alpinskifahren, Tennis, Surfen oder Kraftsport. Dagegen stellte der Experte klar: „Für alle auf dem Markt erhältlichen Medikamente zur Behandlung von Venenschwäche gibt es keinen wissenschaftlich gesicherten Nutzen.“ Die Entfernung von Krampfadern durch Operationen „hat keine Auswirkungen auf die Durchblutung“. Sie sei vor allem bei jüngeren Patienten vorteilhaft hinsichtlich des kosmetischen Ergebnisses, zur Linderung der Beschwerden und Verbesserung der Lebensqualität, betonte der Gefäßspezialist.

Dabei gibt es verschiedene Verfahren: Die offene, operative Entfernung der Krampfadern durch Herausziehen (Stripping) mit verschiedenen Methoden, deren Zerstörung durch dosierte Hitzeeinwirkung mit Laserstrahlen oder Radiowellen sowie die Schaumverödung mithilfe eines Gemisches aus Verödungsflüssigkeit und Luft.

Kurz ging der Referent auf das offene Bein ein: Es entsteht, wenn die Venenwände geschädigt sind, die Vorstufe ist ein Gewebeschwund der Haut. „Daraus kann sich auch Krebs entwickeln“, warnte er. Darum ist „ein gezieltes Wundmanagement“ unter Regie eines Facharztes erforderlich. Dazu gehören Unterdruckverbände mit Manschetten und silberhaltige Netz-Wundauflagen, in hartnäckigen Fällen erfolgt ein chirurgischer Eingriff mit Hautverpflanzung. Die Therapie schwerwiegender Venenerkrankungen sollte durch einen Gefäßspezialisten erfolgen, wofür eine Facharztüberweisung erforderlich ist, verdeutlichte Thomas Karl auf Nachfrage. Doch da das Gefäßzentrum eine Vielzahl von Patienten zu versorgen habe, betragen die Wartezeiten aktuell bis zu acht Wochen.