„Die mit Abstand besten Sportanbieter“

Das Interview: Turngau-Präsidentin Gislind Gruber-Seibold sieht die Vereine gegenüber kommerzieller Konkurrenz gut gerüstet

Als Präsidentin des Turngaus Rems-Murr steht Gislind Gruber-Seibold an der Spitze einer Organisation, die 95 Vereine oder Abteilungen mit insgesamt rund 47000 Mitgliedern repräsentiert. Die 57-Jährige sieht sich aber als Teamplayerin und ist froh, heute viel mehr Mitstreiter an ihrer Seite zu haben, als es nach ihrer Wahl der Fall war. Im Interview äußert sich die Alfdorferin zu der geleisteten Arbeit, zu den anstehenden Herausforderungen und zur persönlichen Motivation, das zeitintensive Amt zu bekleiden.

Legt sich mit ihrem Team seit Anfang 2016 für die Turner an Murr und Rems ins Zeug und kündigte schon an, 2020 erneut zu kandidieren: Turngau-Präsidentin Gislind Gruber-Seibold. Foto: A. Becher

Von Steffen Grün

„Ich werde mich anstrengen, euch nicht zu enttäuschen“, versprachen Sie den Delegierten vor Ihrer Wahl zur Turngau-Präsidentin 2016. Das scheint geklappt zu haben, wie Ihre Wiederwahl 2018 und das aus den Vereinen zu hörende Lob vermuten lassen, oder?

Das war mein Anspruch, war aber nicht ganz einfach. Ich wurde mit sehr vielen Vorschusslorbeeren bedacht, deshalb war ein gewisser Druck da. Mir war wichtig, mir genau zu überlegen, für was ich antrete und was ich an Strukturen liefern kann. Viele hatten die Hoffnung, dass ab dem Moment, wenn der Turngau wieder einen Kopf hat, es auch wieder gelingt, andere Leute zur Mitarbeit zu bewegen.

Bevor Sie anfingen, war das Amt nach Gitte Seibts Rücktritt neun Monate verwaist, auch sonst war die Personaldecke im Präsidium und in den Ausschüssen arg dünn. Heute ist sie viel dicker, wie haben Sie das geschafft?

Ich bin gezielt auf Leute zugegangen, um sie wieder miteinzubinden oder neu zu gewinnen. Kürzlich schaute ich mir das Foto nach meiner ersten Wahl an: Darauf waren neben mir die Vizes Sabine Ruopp und Petra Brecht sowie die Kassenprüfer. In der so wichtigen Ebene darunter gab’s viele gute Fachwarte, aber dennoch glaube ich, dass es Leute motiviert, wenn sie sehen, dass jemand da ist, der den Turngau wieder sichtbarer machen will. Wenn man sieht, wie viele Vizepräsidenten wir heute haben, können wir natürlich auch wieder anders in die Breite arbeiten. Mir war es insgesamt wichtig, zu signalisieren, dass nicht einer oder eine die ganze Arbeit erledigen muss. Ich will im Team führen, auch wenn das manchmal mehr Zeit kostet, um etwas auszudiskutieren.

Wichtiger als im Präsidium breiter aufgestellt zu sein, sei es, genügend Helfer für Veranstaltungen vor Ort zu finden, betonten Sie 2016, nachdem das Gaukinderturnfest ausgefallen war. Wie fällt Ihre Bestandsaufnahme aus?

Ich fand das damals sehr traurig, zumal ich selbst sehr schöne Erinnerungen an die Kinderturnfeste habe. Wir haben es 2017 in Weinstadt und 2018 in Weissach im Tal wieder richtig gut hingekriegt. 2019 findet in Welzheim, verbunden mit dem Turngau-Event, ein großes Gaukinderturnfest statt. Für 2020 sind wir an einem Ausrichter dran, aber es ist noch nicht ganz in trockenen Tüchern. Insgesamt ist es uns gelungen, Leute, die früher aktiv waren, wieder zur punktuellen Mitarbeit zu bewegen – gerade bei Veranstaltungen wie den Kinderturnfesten.

Ein Thema, das Sie und Ihre Mitstreiter umtreibt, ist nicht zuletzt wegen des demografischen Wandels der Mitgliederschwund. Ist das so etwas wie eine Naturgewalt oder gibt es Ideen, wie gegengesteuert werden kann?

Bei uns sind die Zahlen noch recht stabil. Es gibt leichte Rückgänge, aber es finden sich auch Vereine im Turngau, die wachsen. Das Thema hat viele Facetten. Da ist sicherlich der demografische Wandel, der den Zulauf zum Kinderturnen in einigen Vereinen etwas schwinden lässt. Es kann ab und an auch daran liegen, dass ein Übungsleiter aufhört oder dass man keinen findet, um ein neues Angebot zu etablieren und dadurch wieder zu wachsen. Oder an fehlenden Hallenkapazitäten.

Ein Dorn im Auge ist Ihnen die Konkurrenz durch Volkshochschulen und Landfrauenvereine, die Sportangebote im Portfolio haben und Übungsleiter mit höheren Honoraren locken können. Gibt’s Fortschritte in dem Bemühen, diese Konkurrenz zurückzudrängen?

Will ich Englisch, Schwedisch oder Finnisch lernen, bin ich in den Volkshochschulen gut aufgehoben. Mir liegt jedoch sehr viel daran, darauf hinzuweisen, dass ich unsere Vereine mit den gut ausgebildeten Übungsleitern für die mit Abstand qualifiziertesten Sportanbieter halte. Ich will damit nicht unterstellen, dass es in Volkshochschulen und Landfrauenvereinen nicht auch gute Übungsleiter gibt – schon deshalb nicht, weil sie oft von uns ausgebildet wurden. Aber: Es ist natürlich eine schwierige Situation, wenn bei uns Menschen in der Halle stehen, die es oft noch komplett ehrenamtlich oder für eine sehr bescheidene Übungsleiterpauschale machen und dann von Volkshochschulen und Landfrauenvereinen abgeworben werden – zum Teil für Honorare, die sich große Klubs vielleicht noch leisten können, kleine Vereine aber nicht.

Ist das liebe Geld hier das einzige Problem?

Oft haben Volkshochschulen und Landfrauenvereine den Sportvereinen zudem voraus, dass sie leichter an die nötigen Räumlichkeiten kommen. Es ist ein Ärgernis für mich, wenn ich höre, dass ein Angebot nicht ausgebaut werden kann, weil die Hallenkapazitäten fehlen.

Sind damit konkrete Forderungen an die Politik auf allen Ebenen verbunden, zum Beispiel in Sachen Neubau der Karl-Euerle-Halle?

In Bezug auf Räume vor Ort, ja, wobei ich im Rems-Murr-Kreis von vielen Vereinen weiß, dass sie sehr zufrieden mit der Kooperation mit den Städten und Gemeinden sind. Sehr viele Kommunen wissen, was sie an den Turn- und Sportvereinen haben, die in der Regel die größten Klubs sind. Falls es aber tatsächlich mal irgendwo massive Probleme gibt, bin ich immer gerne bereit, Vereinsvertreter zu den Gesprächen mit dem Bürgermeister oder den Fraktionsvorsitzenden zu begleiten.

Weniger Mitglieder bedeuten weniger Einnahmen. 2018 musste Turngau-Finanzchefin Petra Brecht rund 2000 Euro aus den Rücklagen holen. Bedenklich oder beherrschbar?

Beherrschbar. Wir haben das Glück, eine Vizepräsidentin für Finanzen zu haben, die mit spitzer Feder rechnet, und sind zudem auch ein sehr sparsamer Turngau. Es gibt aber auch neue Aufgabengebiete, denen wir uns widmen, was zum Beispiel ohne die Zuschüsse seitens der AOK und des Sportkreises nicht zu finanzieren wäre. Dazu kommen unsere – wenn auch durchaus bescheidenen – hauptamtlichen Strukturen mit der Geschäftsstelle, steigende Mieten und sonstigen Festkosten.

Kurz zum Spitzensport im Turngau, den vor allem Sebastian Krimmer und Emelie Petz von den TSG-Turnern repräsentieren. Wie bewerten Sie die in Backnang geleistete Arbeit?

Wir sind saumäßig stolz auf Basti und Emi (lacht). Auch insgesamt ist die TSG ein Klub, auf den wir uns jederzeit verlassen können. Ich habe ganz am Anfang mal gesagt, dass uns die großen Vereine vielleicht nicht so sehr brauchen wie die kleinen, wir als Turngau aber die größeren – an Backnang sieht man, dass es so ist. Ein Beispiel war 2018 der Demenztag, den die TSG auf die Beine gestellt hat. Es macht einen großen, starken Verein aus, dass er sich auch wichtiger Themen annimmt, die ihm vielleicht nicht sofort viele Mitglieder bringen, sich damit jedoch seiner gesellschaftlichen Verantwortung stellt. Der Turngau knüpft dieses Jahr mit einem Vortrag daran an.

Welche Nischen bleiben für kleinere Vereine?

Oft wird über Fusionen nachgedacht, im einen oder anderen Fall mag das ja auch Sinn machen. Ich persönlich bin für Kooperationen, gerade im Spitzensportbereich, das können die kleinen Vereine alleine wegen der Übungsleiter nicht leisten. Der Erhalt eines kleineren Vereins in einer kleineren Gemeinde schafft allerdings eine ganz andere Identifikation und es ist auch stets einen Versuch wert, wenn zwei kleinere Vereine kooperieren. Sie stammen aus einer sportbegeisterten Familie, sowohl aktiv als auch auf der Funktionärsebene. Blieb Ihnen gar nichts anderes übrig, als selbst diesen Weg einzuschlagen?

Zumindest kam über diese Schiene auch die Frage auf mich zu, ob ich Turngau-Präsidentin werden will. Ich habe es von zu Hause mit auf den Weg bekommen, dass man sich für einen Verein einsetzt, die Bedeutung des Ehrenamts war mir immer bewusst und sehr, sehr wichtig.

Sie haben kürzlich beim Gauturntag in Alfdorf angekündigt, 2020 wieder zu kandidieren. Das spricht für einen langen Atem. Wie lange bleiben Sie Turngau-Präsidentin?

Das hängt von einigen Faktoren ab, aber ich werde es sicher nicht so lange machen wie mein Vorvorgänger Klaus A. Werner, der 17 Jahre amtierte, oder Erich Hägele mit über 25 Jahren beim Sportkreis. Es gehört zu meinen Grundüberzeugungen, dass man einen Job nicht allzu lange machen darf, weil man ansonsten aufpassen muss, dass die Strukturen nicht wieder verkrusten. Man muss irgendwann auch Platz machen für etwas Neues. Aber derzeit läuft es super, es macht viel Spaß, wir können uns alle aufeinander verlassen und den Vereinen etwas zurückgeben. Solange das so läuft und man mich haben will, mache ich das noch eine Weile.