Wenn der Hotz Trauer trägt

Murreder Henderwäldler feiern Abschied von der Fasnet – Einzelfiguren legen Masken ab und hüllen sich in Schwarz

Auch das Ende einer Fasnet will besiegelt sein: Am Dienstagabend haben die Murreder Henderwäldler sich schweren Herzens verabschiedet. Der Rückzug aus dem Rathaus und die gemeinsame Zeit fanden beim Fasnetsverbrennen auf dem Marktplatz einen rituellen, gebührenden Abschluss.

Beim Fasnetsverbrennen auf dem Murrhardter Marktplatz darf aber noch mal gefeiert und getanzt werden, wie Claudia Gabriel (vorne) zeigt.

Von Christine Schick

MURRHARDT. Die Gelegenheit, öffentlich zu trauern, wehzuklagen und noch mal ein klitzekleines bisschen zu feiern, lassen sich die Murreder Henderwäldler am Abend des Faschingsdienstags nicht nehmen. Zu Beginn findet sich der Nachtwächter (Christian Schweizer) im Rathaus ein und macht ihnen klar, dass ihre Stund’ geschlagen hat. Zunftmeisterin Diana Spreu wehrt sich anfangs noch tapfer, muss sich dann allerdings doch geschlagen geben. Als sei das nicht genug, fordert Bürgermeister Armin Mößner auch noch, dass der Narrenbaum fällt. Die Henderwäldler entschließen sich, nicht ihn mit dieser Aufgabe zu betrauen, sondern einen Fachmann aus den eigenen Reihen. Das lange, mächtige gute Stück stürzt satt auf das Pflaster des abgesperrten Bereichs. Die Backnanger Guggenmusik-Combo XS-Excess beginnt musikalisch zu trauern, und die Murreder Henderwäldler kommen aus dem Rathaus.

Hotz, Nachtkrabb und Hexenturmweible – die Einzelfiguren – fassen sich ein Herz und legen ihre Masken ab, verstauen sie in der Kiste, in der sie bis zur nächsten wilden Zeit ruhen, und verhüllen sich mit einer schwarzen Kutte, um von dannen zu ziehen. Die Wasserfratzen, Feuerbarthl, Tröpfle und Flämmle (Narrennachwuchs) sowie vereinzelte Tannenzapferhurgler zücken ihre Taschentücher, gehen ihre Trauerrunde über den Marktplatz und lassen keinen Zweifel daran, dass sie sich nicht wirklich gern trollen. Das Smartphone wird gezückt, um die schöne Trauer festzuhalten. XS-Excess leistet hervorragenden musikalischen Beistand, sodass die Henderwäldler, Freunde und Zuschauer schwungvoll gemeinsam in den Abend gleiten können.

Unter der Trauergemeinde findet sich auch Steffen Menzel, für den die Fasnet nun zu Ende geht. Wer sein Gewand – Hose, Oberteil und Mantel mit Fellbesatz und Fuchsschwänzen – anschaut, weiß schnell, dass es sich bei dem 32-Jährigen um den Träger der Einzelfigur Hotz handelt. „Angefangen hab ich bei den Henderwäldlern 2010“, erzählt er. „Zuerst war ich ein Feuerbarthl, 2015 hatte ich dann die Möglichkeit, den Hotz zu übernehmen.“ Die Frage, was ihm bei den Umzügen und Auftritten am meisten Spaß macht, beantwortet er mit einem Lächeln. Schabernack treiben und die Leute ein bisschen erschrecken, „ist schon meins“, sagt er. Bei Kindern allerdings müsse man abwägen. „Wenn ich schon von Weitem merke, dass sie Angst bekommen, drehe ich lieber ab. Eine andere Möglichkeit ist, mit dem weichen Fuchsschwanz zu winken oder ein bisschen zu kitzeln.“

Der Hotz hat Freude am Erschrecken, bei Kindern geht er aber vorsichtiger vor

Als Hotz hat Steffen Menzel in der Fasnetszeit einen vollen Terminkalender. Neben den eigenen Veranstaltungen und Auftritten sind die Henderwäldler zu Umzügen anderer Zünfte eingeladen, und da haben die Einzelfiguren eine klare Repräsentationspflicht. „Für die Haupttage nehm ich einfach Urlaub“, sagt der 32-Jährige. Zur Sicherheit gibt es aber noch zwei Mitglieder, die im Notfall, beispielsweise bei Krankheit, einspringen können. Steffen Menzel ist außerdem Häsmeister und hat somit auch die Gewänder der vielen Kolleginnen und Kollegen im Blick. Sie werden später fein säuberlich in den Vereinsräumen im Schrank aufgehängt. „Wichtig ist vor allem, dass sie gut trocknen können“, sagt er. In der Umzugszeit ist man als Henderwäldler ja bei Wind und Wetter unterwegs. Während die Einzelfiguren Spezialanfertigungen sind, die der Verein in Auftrag gegeben hat, liegt die Verantwortung bei den Gruppenfiguren Wasserfratz und Feuerbarthl in der Hand ihrer Träger. „Wir haben schon bestimmte Schnittmuster, aber weil die Mitglieder das in der Regel selbst anfertigen, haben sie auch die Möglichkeit, bei den Details wie Flammenschwung etwas Eigenes reinzubringen.“ Sollte es mal Beratungsbedarf geben, hat der Verein aber auch eine entsprechende Schneiderin an der Hand, die Tipps geben kann.

Menzels Hotz-Gewand ist bei seinem Start neu gefertigt worden – es war einfach damals an der Zeit. Insofern sind Hose, Oberteil, Umhang und Handschuhe passgenau. Zum An- und Umziehen braucht er nicht wirklich lange, nur ein paar Minuten.

Wenn er auf Umzügen außerhalb von Murrhardt unterwegs ist, wird er schon mal mit großen Augen angeblickt und gefragt, ob er denn als Wolpertinger oder Hirsch unterwegs sei. Eigentlich müsste er dann erklären, dass der Hotz auf die Sagenfigur des Hotzenklingenstoffels zurückgeht, der, wie der Name schon sagt, in der Hotzenklinge beim Felsenmeer lebte. Als teufelähnliches Wesen hatte er es auf die Kirchgänger aus Köchersberg und Westermurr abgesehen und sprang ihnen auf ihrem Weg zum Gottesdienst auf den Rücken, um sie zu erschrecken. Viele einzelne Details des Häs verweisen auf die Geschichte und die animalischen Züge der Figur. „Bei den spontanen, oft kurzen Begegnungen auf den Umzügen ist meist wenig Zeit, aber ich lasse dann zumindest fallen, dass es sich um einen Waldgeist handelt“, sagt Steffen Menzel. Das ist ihm auch insofern wichtig, weil die Fasnet sich im Gegensatz zum reinen Karneval nicht mit der Verkleidung als solcher begnügt, sondern eben die Hintergrundgeschichte und Verankerung in der Region transportieren will, stellt der 32-Jährige fest.