Manch ein Auswanderer floh vorm Gesetz

Erstes Murrhardter Forum zur Geschichte – Spannende Vorträge über die Steinzeit bis zu den Auswanderungswellen nach Amerika

Seit 30 Jahren besteht der Geschichtsverein Murrhardt und Umgebung. Zum Jubiläum hörten zahlreiche Zuhörer spannende Vorträge über aktuelle Forschungsprojekte beim ersten Murrhardter Forum zur Geschichte im Carl-Schweizer-Museum.

Goodbye Deutschland vor eineinhalb Jahrhunderten: Historische Version der einst gängigen Zeitungsinserate zur Auswanderung.

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Der Geschichtsverein sei sehr aktiv dank des ehrenamtlichen Engagements seiner Mitglieder, hob Bürgermeister Armin Mößner hervor und wünschte sich ein Gesamtwerk zur Stadtgeschichte. Überproportional viele Murrhardter, meist Jugendliche und junge Familien, wanderten Mitte des 19. Jahrhunderts in die USA aus, erzählt Andreas Kozlik, Vorsitzender des Geschichtsvereins. Zurzeit erforscht er die Schicksale von 1000 Auswanderern. Dazu wertet er Kirchenbücher, standesamtliche Unterlagen, Auswanderungsakten und Passagierlisten aus. Um weitere Informationen von Nachkommen zu erhalten, stellt er seine Daten unter www.andreas-kozlik.de/murrhardt-amerika ins Internet. Hauptgründe auszuwandern waren zu wenige Arbeitsplätze, familiäre oder finanzielle Probleme, auch Konflikte mit dem Gesetz. Viele hofften, in Amerika ihre persönliche Situation verbessern zu können. Sie reisten per Schiff über Neckar und Rhein nach Antwerpen, nach dem Eisenbahnanschluss nach Hamburg und Bremerhaven und von dort über den Atlantik nach New York ins Auffanglager Castle Garden, später Ellis Island.

Die meisten ließen sich in den Staaten Pennsylvania und New York und in Städten nieder, wo es bereits viele Deutsche gab. An einigen Fallbeispielen verdeutlicht Kozlik, dass die Mehrheit Tellerwäscher blieb, doch manchen gelang es tatsächlich, Millionär zu werden. Schwanenwirt Friedrich Reichert wurde wegen Diebstahls gesucht, floh und emigrierte mit seiner Familie 1848 nach New Orleans, wo er ein Hotel betrieb. Zimmermann Gottlieb Bühler aus Hinterbüchelberg wanderte 1883 aus nach Allentown (Pennsylvania) und machte Karriere als Möbelfabrikant. Zeitlebens hielt er Kontakt nach Murrhardt und wurde zum Wohltäter, so Kozlik.

Über seine Forschungen zur Steinzeit im Murrhardter Raum berichtet Reinhold Feigel, Mitglied im archäologisch-geologischen Arbeitskreis des Heimat- und Kunstvereins Backnang und ehrenamtlicher Beauftragter der archäologischen Denkmalpflege im Raum Backnang. In der mittleren Steinzeit, etwa 9500 bis 5500 vor Christus, waren die Menschen noch nicht sesshafte Jäger und Sammler. Feigel suchte gepflügte Äcker auf Hochflächen bei Teilorten Murrhardts wie Hoffeld ab und entdeckte dort ehemalige Jagdaufenthaltsplätze. Dabei fand er viele meist sehr kleine Steinwerkzeuge und Waffen, die wohl Heranwachsende bearbeiteten. Seltener seien Funde aus der späten Altsteinzeit und der Jungsteinzeit, so Feigel.

Bei Forschungen im Hauptstaatsarchiv Stuttgart zur Murrhardter Sozialgeschichte im 16. Jahrhundert fand Professor Dr. Gerhard Fritz unerwartet unbekanntes Material, das er erst noch auswerten muss. Als wertvolle Quelle zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte im Raum Murrhardt im 15. und 16. Jahrhundert erwies sich ein Streit über den Viehtrieb um 1503 bis 1506. Dazu wurden viele Zeugen befragt, deren Aussagen wichtige Informationen über die Herrschafts- und Gesellschaftsstruktur, Konfliktregulierung und demografische Entwicklung enthalten.

In diesem Konflikt mischten das Kloster, der Graf von Löwenstein, die Reichsstadt Hall und andere Herrschaften kräftig mit. Die Bevölkerung wuchs, Bürger und Bauern hielten immer mehr Vieh. So wurden die Weideflächen, damals auch im Wald, immer knapper. Da sich der Abt bei Gerichtsverfahren nicht durchsetzen konnte, setzte der Herzog ein Schiedsgericht ein, und das Gewohnheitsrecht galt weiter. Doch die alte Rechtsordnung passte nicht mehr, weshalb der Streit bis ins 18. Jahrhundert weiterging, erklärt der Historiker.

Im Ärztehaus am Römerbad informieren Dr. Rolf Schweizer und Christian Schweizer über neue Erkenntnisse zum römischen Kastellbad. Das Gebäude war etwa 50 Meter lang, folgte den Ideen des Architekten Vitruv und wurde über mindestens 50 Jahre benutzt. Bruchstücke und Estrichreste in den Mauerstücken lassen vermuten, dass das Bad teils aus Material eines Vorgängergebäudes erbaut wurde. Fehlende Steine in der Außenmauer deuten darauf hin, dass die Ruine des Römerbads als Steinbruch zum Bau der ersten Mönchszelle um 788 diente, nimmt Rolf Schweizer an. Bis Ostern 2012 sollen die römischen Funde fachkundig restauriert, konserviert und in Vitrinen im Foyer des Ärztehauses ausgestellt werden.

Prominente Gäste aus aller Welt kamen in die einst weithin berühmte „Sonne-Post“, die am 20. Juni 1945 bei der Landrätekonferenz zur „Geburtsstätte der modernen schwäbischen Demokratie“ wurde, betont Dr. Peter Steinle. Zurzeit ist der Murrhardter Wirtschaftshistoriker dabei, die Gästelisten von 1935 bis 1987 auszuwerten. Demnächst beginnt in der Murrhardter Zeitung eine Serie, in der Steinle über einige der illustren Persönlichkeiten berichten wird.